02 Mrz

Wie die Welt sich zeigt. Zum sozialen Wirken von Emotionen

Von Paul Helfritzsch (Jena)


Es wird in der Philosophie und generell in den Geistes- und Sozialwissenschaften schon seit längerer Zeit versucht, mit dem Diktum zu brechen, Emotionen seien willkürlich auftretende Phänomene, die nur in der ersten Person Singular artikuliert werden könnten und auch nur von der Person, die sie empfindet, verstanden werden können. Diese Vorstellung führt zu vielerlei Problemen und zu Unverständnis, wenn es darum geht, andere Personen, Personengruppen und Berichte über deren Situation zu verstehen.

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28 Feb

Licht und Schatten John Rawls’ politischer Philosophie

Von Julian Culp (Paris)


John Rawls’ egalitärer Liberalismus ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur dominanten politischen Philosophie in der angloamerikanischen Wissenschaft avanciert und hat auch in der deutschsprachigen Wissenschaft eine sehr große Wirkung entfalten können. Was erklärt die Strahlkraft Rawls’ politischer Philosophie?

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22 Feb

Ungeheure Gefährt*innenschaften – der Beginn einer Reise. Eine philosophische Reflexion zu Marc Bauders Film Wer Wir Waren

von Janina Loh (Wien)


In der altgriechischen Tragödie Antigone des Dramatikers Sophokles gibt es einen Satz, der mich schon lange beschäftigt, wenn auch immer wieder erneut und aus unterschiedlichen Gründen. Er lautet übersetzt etwa »Es gibt viele ungeheure Dinge, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch«. Da ist zunächst die Doppeldeutigkeit des Wortes »ungeheuer« oder »ungeheuerlich«. Das Ungeheure im menschlichen Wesen treibt mich als Technikphilosophin in der Tat in seinen zahlreichen Facetten schon aufgrund meiner Profession um. Dinge, die uns ungeheuer erscheinen, sind häufig groß und mächtig, zuweilen auch unerklärlich und deshalb vielleicht sogar gruselig, sie sind uns tatsächlich nicht »geheuer«, können sowohl schlimm und gefährlich als auch wunderbar und nicht- bzw. übermenschlich in einem großartigen Sinne sein. So etwa von Menschen geschaffene Technologien und Techniken, also Artefakte und Praktiken. Sie reichen von wie ungeheure Wunder wirkenden Dingen wie der Sprache und Schrift, dem Buchdruck, Medikamenten, Flugzeugen, Raketen, dem Gesang, sportlichen Höchstleistungen und vermutlich auch dem Internet bis hin zu ungeheuerlich zerstörerischen Schöpfungen wie Waffen, Atombomben, Giften, Folterinstrumenten und dem Krieg als einem der sicherlich verabscheuungswürdigsten menschlichen Konglomerate sehr spezifischer Tod und Verderben bringender Technologien und Techniken. Ja, in der Tat, es gibt viele ungeheure Dinge auf diesem Planten und viele davon, wenn auch sicherlich nicht alle wurden von Menschen in Gedanken entworfen und irgendwann in die Tat umgesetzt.  

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21 Feb

John Rawls zum Hundertsten – und warum er auch in weiteren hundert Jahren noch wichtig sein wird

Von Mathias Risse (Cambridge, Massachusetts)


John Rawls (1921-2002) ist einer der wichtigsten politischen Denker der letzten Jahrhunderte, und wohl einer der wichtigsten überhaupt in der westlichen Tradition. Erstens hat Rawls eine umfassende und plausible Sichtweise darauf angeboten, wie wir in den eng verknüpften Gesellschaften, die die industrielle Revolution möglich gemacht hat, zusammenleben können und sollen. Zweitens hat er einen Weg aufgezeigt, wie man politische Philosophie betreiben kann, sowohl im Hinblick auf den Stil der Argumente als auch auf die behandelten Themen. In beiderlei Hinsicht ist er auch wichtig, weil er eine Menge oft recht vernünftiger Kritiken auf sich gezogen hat, die zu Ansätzen geführt haben, die besser sind als sein eigener. Aber auch das ist natürlich ein Maß für die Wichtigkeit eines Denkers: dass er andere talentierte Köpfe anzieht, die innerhalb des vorgeschlagenen Paradigmas arbeiten, oder eben darüber hinaus gehen. Die Veröffentlichung von Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit 1971 hat eine Agenda generiert, indem sie diskussionswürdige Antworten auf gravierende Fragen bot: Welche Güter sollten in Theorien der Gerechtigkeit berücksichtigt werden; welche Bedürfnisse und Anliegen sollten diese Güter befriedigen; welche Rolle sollen Leistung, Freiheit oder Verantwortung spielen; und welche Prinzipien vereinen plausible Antworten auf diese Fragen?

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18 Feb

Kleinkinder und Corona

von Monika Platz (München)


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der in einem Schwerpunkt zur COVID-19 Pandemie in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift für Praktische Philosophie (ZfPP) erschienen ist. Der Aufsatz kann auf der Website der ZfPP kostenlos heruntergeladen werden.


Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder sollen nur im äußersten Notfall geschlossen werden – das schien lange Konsens in der Pandemiebekämpfung in Deutschland zu sein. Zu negativ waren die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown. Dieser Konsens aber hat sich als fragil erwiesen. Er bröckelte seit Beginn der zweiten Welle im Herbst und wurde mit der neuerlichen Schließung der Betreuungseinrichtungen im Dezember 2020 begraben. Umso dringlicher ist es, aus kinderethischer Perspektive aufzuzeigen, warum es für das Wohlergehen der Kleinkinder so wichtig ist, Betreuungsstrukturen in den Einrichtungen aufrecht zu erhalten und den Kindern damit ein großes Stück Normalität zu ermöglichen.

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16 Feb

Ethik als Methode

Von John-Stewart Gordon (Kaunas, Litauen)


Ohne Zweifel haben sich die bisherigen ethischen Theorien als fehlerhaft erwiesen, insbesondere dann, wenn geglaubt wurde, dass man mit einem (oder wenigen) Moralprinzip(ien) in der Lage ist, alle ethischen Probleme aufzulösen. In Wahrheit sind einzelne ethische Theorien jedoch lediglich nur unvollkommene Annäherungsweisen an die moralische Wirklichkeit. Einzig mit Hilfe der pluralistischen ethischen Methode – genannt Ethik als Methode (Gordon 2019) – ist man in der Lage, so die These des Buches, alle moralischen Probleme angemessen zu diskutieren und entsprechend zu lösen. Dieser radikale Neuansatz leitet einen Paradigmenwechsel in der Ethik ein.        

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11 Feb

Gedanken- als Wahrnehmungsexperimente. Überlegungen zu audiovisuellen Fake-Gesprächen Alexander Kluges

Von Florian Wobser (Passau)


Das Spannungsfeld aus Wahrnehmen und Denken betrifft jedes Philosophieren. Alexander Kluge nimmt darin eine eigensinnige Verschiebung vor. Während ein Gedankenexperiment von seiner Form lebt, die eine oft kreative kontrafaktische Situation als Vorstellung verlangt, letztlich aber der Reflexion dient, wertet Kluge die audiovisuelle Inszenierung ihrer Artikulation auf, die es reflektiert wahrzunehmen gilt. Dass so ein Experiment gelingt, bei dem heuristisch – anders als beim regulären Gedankenexperiment – sinnlicheReize wirken, das jener Denkmethode im performativen Prozess jedoch verbunden bleibt, möchte ich in diesem Beitrag an einem von und mit Kluge produzierten Fake-Gespräch zeigen.

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09 Feb

Das Unbehagen an der Medikalisierung des Alterns – eine reflexive Diagnose

Von Silke Schicktanz (Göttingen) & Mark Schweda (Oldenburg)


Neuartige diagnosti­sche, therapeutische oder präventive Maßnahmen ermutigen den Gedanken eines selbstbe­stimmten und um­sichtig zu gestaltenden späteren Lebens, werfen allerdings zugleich vielfältige Fragen auf. So bietet die wachsende Anzahl prädiktiver (genetischer wie auch nicht-genetischer) Tests zwar die Möglichkeit, Informationen über Risiken für altersassoziierte Erkrankungen in die eigene Lebensplanung einzubeziehen, geht aber mit neuen Verantwortungszuschreibungen einher. Die Präventiv- und Anti-Aging-Medizin verspricht die Verzögerung des Alterungsprozesses, lässt diesen dabei zugleich jedoch zunehmend pathologisch erscheinen. All diese Entwicklungen lösen ein gewisses Unbehagen aus, das es ethisch genauer auszuloten gilt (Schweda et al. 2017).

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05 Feb

Sicherheit auf Kosten von Freiheit und Lebensqualität?

Warum richtiges Handeln in der Coronakrise nicht nur von Expertenwissen abhängt

Von Gerhard Schurz (Düsseldorf)


Selten hatten medizinische Experten soviel politische Macht und wurden andererseits so massiv angezweifelt. Dieser Essay möchte zur Klärung dieses Widerspruchs beitragen. Aber nicht, wie bei Gegnern von Corona-Schutzmaßnahmen üblich, indem medizinisches Faktenwissen mit fragwürdigen Argumenten bezweifelt wird. Stattdessen soll der Blick für den Unterschied zwischen den Fakten und Wertentscheidungen geschärft werden. Epidemologie-Experten können uns sagen, welche Verzichtsmaßnahmen die Infektionsraten so-und-so niedrig halten können. Aber ob diese Verzichtsmaßnahmen die damit erreichten Wirkungen wert sind, durch sie legitimiert werden, ist keine medizinische Frage, sondern eine Wertentscheidung. Ohne ethische Prämissen folgen aus Fakten keine Werte oder Normen; in der Philosophie spricht man hier auch von naturalistischen Fehlschluss oder Sein-Sollen Fehlschluss. Für die Wertentscheidungen in der Coronafrage sind Wissenschaften wie Psychologie, Ökonomie und Philosophie ebenso wichtig wie Medizin und Epidemologie. Letztlich aber ist diese Wert­entscheidung von allen Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes im Rahmen unserer parlamentarischen Demokratie vorzunehmen. Als ich unlängst in einer Tageszeitung las, “die Mediziner haben ein Urteil gefällt, das wir umsetzen müssen”,[1] schämte mich dafür, für wie unmündig die Medien die Bürger ihres Landes einstufen.

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