11 Dez

Erziehen durch Erzählen. Moralische Bildung im Raum des Fiktionalen

von Anke Redecker (Bonn)


Versteht man Bildung als ein sinn- und verantwortungsvolles Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu anderen, anderem und sich selbst, so kann damit ein Humboldtsches Bildungsverständnis angesprochen werden,[1] das sich im fortlaufenden – zum Beispiel wahrnehmenden, bestimmenden und wertenden – Bezug des Menschen zur Welt charakterisieren lässt. Da es sich bei diesem Weltbezug nicht um „meine“ von mir –zum Beispiel  ideologisch oder kulturspezifisch – zurechtgedachte Welt, sondern um „die“ Welt handelt, ist mit dieser Auseinandersetzung zugleich eine zwar je perspektivische, aber letztlich kosmopolitische Relation[2] verbunden, geht es doch um „den“ Menschen schlechthin, der die Welt – mit ihren vielfältigen Bewohnerinnen und Bewohnern – erfährt und zu verstehen versucht sowie zu verantwortlichen weltbezogenen Urteilen und Gestaltungen aufgerufen ist.

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06 Dez

Populäre Philosophie? Von der Quadratur des Kreises zu guter Laune und bunten Kleidern

von Mara-Daria Cojocaru (München)


Neulich war ich auf einer Veranstaltung der Zoological Society London zum Thema Wildtiere und menschliches Wohlergehen im städtischen Raum, einer Public science-Veranstaltung, die sich an eine breitere Öffentlichkeit richtete. In einem pointierten Vortrag gelang es u.a. einer ausnehmend gut gelaunten und bunt gekleideten Professorin für Biodiversity Conservation die Relevanz ihrer von zahlreichen prestigeträchtigen Geldgebern unterstützten Forschung herauszustellen; Forschung, die sich im Wesentlichen darum bemüht, die Trennung von Mensch und Natur in städtischen Kontexten zu überwinden. Allen im Raum schien völlig klar, dass das relevant ist, dass so eine Trennung nicht gut sein kann: “an sich” nicht – und auch da ihre Überwindung die individuelle Gesundheit fördert und Einsparungen bis zu 2 Millionen GBP verspricht. Natürlich gab es ein paar offene Fragen, will sagen, nicht alles wurde abschließend geklärt – wie auch? Die Forschung soll ja weitergehen. Ganz klar war aber, dass die vorläufigen Ergebnisse und Einschätzung zeigten, dass besagte Professorin den richtigen Weg mit ihrer Forschung eingeschlagen hatte. Mich hat beeindruckt, wie klar die Relevanz dieser Forschung war und wie gut dieses Public science-Event funktioniert hat. Selbst die anderen Wissenschaftler*innen im Raum schienen zufrieden! Warum, so fragte ich mich als jemand, der seit fast zehn Jahren nahezu alles an Public oder Popular philosophy – vom philosophischen Speed-Dating bis zum Diskussions-Marathon – mitgemacht hat, warum klappt das für die Philosophie nicht so? Am Ende solcher Veranstaltungen in der Philosophie hat man meiner Erfahrung nach nicht nur immer mehr Fragen als einen klaren Weg für die Zukunft im Umgang mit den Problemen, sondern oft Zweifel, ob hier überhaupt der richtige Weg eingeschlagen worden ist, und vor allem: unzufriedene akademische Philosoph*innen.

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27 Nov

Wenn die Philosophie ein iPhone wär’

Von Urs Siegfried (Zürich)

 

Haben sie schon einmal ein iPhone ausgepackt? Dieser Vorgang hat fast etwas Sakrales und ist ein bisschen wie eine Offenbarung in drei Akten. Da sind erstens die Eleganz und die Hochwertigkeit der Verpackung. Sie zeigen: Hier erwartet dich etwas Aussergewöhnliches und Wertvolles. Da ist zweitens das schöne Gefühl als Gerätebesitzer_in Teil der Apple-Community zu werden, einer Gemeinschaft von jungen, kreativen und weltoffenen Menschen. Und da ist drittens das Gerät selbst, Spitzentechnologie in verführerisch zugänglicher Form. Ich glaube, es sind genau diese drei Elemente, die die Philosophie braucht, um noch besser bei einem breiteren Publikum anzukommen: Komplexer Inhalt mit einer einfachen Bedienungsoberfläche, kombiniert mit einer Geschichte, die persönlich und emotional berührt, eingehüllt in eine Verpackung, die die Augen zum Leuchten bringt.

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29 Nov

#metoo und Männlichkeit. Soziologische Zugänge und Perspektiven auf die Überwindung sexueller Gewalt

von Paul Scheibelhofer (Innsbruck)[1]


Unter dem Label „MeToo“ hat die schwarze Bürgerrechtsaktivistin Tarana Burke bereits vor Jahren damit begonnen, öffentliches Bewusstsein für die weite Verbreitung von sexuellen Übergriffen gegen Frauen zu schaffen. Befeuert durch aufsehenerregende Fälle und breite mediale Berichterstattung wurde diese Realität nun weithin sichtbar und drängte sich in das Leben vieler, die das Thema bis dato ausblendeten oder belächelten. Die #metoo-Bewegung stellte damit auch gängige Erzählungen über männliche sexuelle Gewalt in Frage, die diese lediglich an den gesellschaftlichen Rändern verortete und dadurch ein positives Selbstbild einer aufgeklärten gesellschaftlichen Mitte nährt. Hier setzt der vorliegende Text an und wirft einen Blick auf Männlichkeiten im Kontext von #metoo. Gefragt wird, welche Erklärungen eine soziologische Perspektive auf Männlichkeit für jene Realitäten bietet, die von #metoo zur Sprache kamen. Und welche Implikationen so eine Perspektive für die Überwindung sexualisierter Gewalt von Männern gegen Frauen hat.

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22 Nov

Wenn heute von Bildung die Rede ist, ist meistens doch nur Kompetenz gemeint

von Bernd Lederer (Innsbruck)


Jeder und alle, so hat es den Anschein, reden heute unentwegt von Bildung. Kein Tag vergeht, an dem nicht Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur, aus dem Erziehungs- und Bildungsbereich sowieso, mehr und bessere Bildung einforderten – ohne aber zugleich auch zu benennen, was den gebildeten Menschen eigentlich ausmacht und auszeichnet, was Bildung mithin tatsächlich meint. Ein Missverhältnis, das auch Konrad Paul Liessmann in seinem neuesten Buch „Bildung als Provokation“ (2017) zu Recht beklagt. Ein auto-complete der Begriffe „Bildung ist …“ auf google beispielsweise liefert einen durchaus repräsentativen Wildwuchs fundamentaler Qualitäten und Eigenschaften dieses Schlüsselbegriffs: „Bildung ist beste Zukunftsinvestition“, „Bildung ist Option für die Armen“, „Bildung ist keine Wunderwaffe gegen Armut“, „Bildung ist ein Menschenrecht“, „Bildung ist Gesellschaftspolitik“, „Bildung ist die beste Innovation“,  „Bildung ist Schlüssel für erfolgreiche Integration“, „Bildung ist ein Recht und keine Ware“, „Bildung ist wie Treppensteigen“, „Bildung ist Zukunft“, „Bildung ist der Schlüssel für Wohlstand“, „Bildung ist mehr als Schule“, „Bildung ist mehr als Berufstraining“, „Bildung ist politische Chefsache“, „Mehr Bildung ist die Lösung nach der Krise“, „Bildung ist Lebensqualität“ und nicht zuletzt: „Was ist Bildung wirklich?“ Angesichts solcher im Sprechen über Bildung geäußerten Erwartungen und Ansprüche spricht Liessmann folgerichtig von Bildung als einem regelrechten neuen „Opium des Volkes“.

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20 Nov

Zur Departmentstruktur

von Christine Tiefensee (Frankfurt)


Will man Thomas Kuhn Glauben schenken, folgt auf die Krise des alten wissenschaftlichen Paradigmas wissenschaftliche Revolution. Der Vergleich zwischen Kuhns Revolutionen und der derzeit stark diskutierten Transition von der traditionellen Lehrstuhlstruktur hin zu einer Departmentstruktur hinkt zugegebenermaßen an mehreren Stellen. ‚Krise‘ und ‚Revolution‘ sind schließlich sehr starke Begriffe, wobei sich Philosoph*innen—bis auf wenige Ausnahmen—gemeinhin nicht gerade durch revolutionären Tatendrang und ausgeprägten Aktivismus hervortun. Dennoch lädt dieses Bild dazu ein, zwei drängende Fragen zu beantworten: Erstens, befindet sich das traditionelle Lehrstuhlsystem, in dem weisungsgebundene Mitarbeiterstellen Lehrstühlen zugeordnet sind, in einer ‚Krise‘, d.h. sieht es sich mit gravierenden Problemen konfrontiert, die nicht länger ignoriert werden können und dürfen? Zweitens, könnte eine beispielsweise aus den USA und Großbritannien bekannte Departmentstruktur, in der es keinen weisungsgebundenen Mittelbau gibt, sondern Philosophen*innen als weisungsunabhängige Professoren oder Lecturers forschen und lehren, diese Probleme überwinden, und wie könnte eine ‚Revolution‘ angegangen werden?

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18 Nov

Endlich kontroverse Ideen!?

Von Norbert Paulo (Graz/Salzburg)

Im Rahmen einer interessanten BBC-Radiodokumentation über politische Meinungsvielfalt an Universitäten hat Jeff McMahan, Professor für Moralphilosophie in Oxford, seine Initiative für eine neue Fachzeitschrift erläutert, die 2019 gegründet werden soll: The Journal of Controversial Ideas. Die grundsätzliche Idee dafür hat Peter Singer, der die Zeitschrift mit McMahan und Francesca Minerva (Gent) herausgeben wird, bereits 2017 in einem Interview angedeutet: In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung könnten Autor_innen heute leichter als früher davon abgehalten werden, Ideen zu veröffentlichen, die in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen unpopulär sind oder außerhalb dessen liegen, was (mehrheits-)gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

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15 Nov

Denken mit Geländer

von Bettina Bussmann (Salzburg)


Wer in den 1980er Jahren seine Schule beendet und ein Studium begonnen hat, der weiß, was es bedeutet, einer Lehrkraft oder einem Dozenten[i] stundenlang zuzuhören und wenig Möglichkeiten zu haben, sich Wissen kreativ und mit unterschiedlichen Methoden anzueignen. Der weiß auch, dass (bis heute) in vielen Ländern der Philosophieunterricht nicht schülerinnen-,  sondern dozentenorientiert aufgebaut ist. Ähnliches galt für die Uni. Es gab immer nur wenige – häufig ausschließlich männliche Studierende, – die den Mut hatten, sich in philosophischen Veranstaltungen an Diskussionen zu beteiligen.

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13 Nov

#Metoo und Frauen in der akademischen Philosophie: Der perfekte Sturm

von Andrea Klonschinski (Kiel)


Was ist die #Metoo Debatte?

Bevor das Thema #Metoo sinnvoll diskutiert werden kann, gilt es zunächst zu klären, was genau eigentlich gemeint ist, wenn von der #Metoo Debatte die Rede ist. Hier sind mindestens zwei verschiedenartige Phänomene zu unterscheiden: erstens der Hashtag #Metoo, unter dem zunächst Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Hollywoodgrößen laut wurden, der sich später aber zu einem Forum entwickelte, in dem Frauen ein breites Spektrum an Erfahrungen mit Sexismus schildern. Diese Berichte sind sicherlich „undifferenziert“, wie Kritiker häufig einwenden, insofern sie subjektiv sind und zunächst einmal unverbunden nebeneinanderstehen. Aber genau darin liegt auch die Wirkungsmacht von #Metoo: diese Erfahrungen erst einmal ungefiltert an die Öffentlichkeit zu bringen. Zweitens hat dieses Twitter-Phänomen nämlich bekanntermaßen eine mediale und gesellschaftliche Debatte über den Umgang von heterosexuellen Frauen und Männern miteinander im Rahmen gesellschaftlicher Machtverhältnisse angestoßen.[*] Diese Debatte findet im Feuilleton statt, in Talkshows, am Küchen- oder Stammtisch sowie in der Paneldiskussion „#Metoo@Philosophie“ im Rahmen der VI. Tagung für Praktische Philosophie, auf der dieser Text basiert.

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