22 Aug

Nein, Sex ist nicht wie eine Tasse Tee

von Maya Burkhardt


„Entscheidungen bezüglich des Sexuallebens können Erwägungen über Aufrichtigkeit, Rücksicht auf andere, Klugheit oder die Schadensvermeidung für andere usw. einschließen, aber dasselbe ließe sich zu Entscheidungen sagen, die das Autofahren betreffen. (Tatsächlich sind die moralischen Probleme, zu denen das Autofahren Anlass gibt, sowohl vom Standpunkt der Umwelt als auch dem der Sicherheit, viel schwerwiegender als Probleme, die sich aus geschütztem Sexualverkehr ergeben.) Dieses Buch enthält demgemäß keine Diskussion über Sexualmoral. Es gibt wichtigere Fragen der Ethik, die zu bedenken sind.“

Das schreibt Peter Singer in der Einleitung der dritten Auflage seines Buches „Praktische Ethik“ zum Thema Sexualmoral in dem Bemühen, ernstzunehmende moralische Überlegungen von einem „System widerwärtiger puritanischer Verbote […]“ abzugrenzen, „[…] dass hauptsächlich dazu bestimmt ist zu verhindern, dass Menschen ihr Vergnügen haben.“[1] Singer nutzt den Vergleich mit dem Autofahren hier am Anfang seines Buches, um das Thema Sexualität aus seiner weiteren Auseinandersetzung herauszuhalten.

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20 Aug

Das Theodizeeproblem oder ein Problem mit der Theodizee? Was passiert mit klassischen Fragen, wenn wir die Religionsphilosophie neu denken?

von Amber L. Griffioen (Konstanz)


Wer mal eine Einführung in die „klassischen Debatten“ der Religionsphilosophie besucht hat, ist wahrscheinlich über den Begriff Theodizee gestolpert. Grob gesagt ist eine Theodizee der Versuch, den allmächtigen, allwissenden, allgütigen Gott des sogenannten klassischen Theismus angesichts der Übel in der Welt zu rechtfertigen. Etwas weniger grob gesagt geht es bei der Theodizee nicht wirklich darum, Gott zu rechtfertigen (denn wenn es eine solche Gottheit gibt, braucht diese unsere Hilfe nicht, sich zu verteidigen). Es geht vielmehr darum, die Überzeugung[1] derjenigen zu rechtfertigen, die an diesen Gott glauben. Dies ist eine wichtige Präzisierung, denn sie deutet auf einen zentralen Schwerpunkt der analytischen Religionsphilosophie des 20-21. Jahrhunderts hin, nämlich auf den wiederholten Versuch, die Rationalität oder zumindest die rationale Zulässigkeit der klassisch monotheistischen Überzeugung zu prüfen (und meistens zu verteidigen) – hier in Anbetracht eines möglichen defeaters (Gegenbelegs), nämlich der Menge an erlebtem Bösen bzw. subjektivem Leiden in der Welt. Dieser Fokus auf die Rationalität der religiösen Überzeugung macht das sogenannte „Theodizeeproblem“ also eher zu einem Rätsel für die Religionsphilosophie, das es zu „lösen“ gilt: Wie kann man den klassischen Monotheismus mit den Übeln der Welt so versöhnen, dass es nicht irrational wäre, weiterhin an diesen Gott zu glauben?

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15 Aug

Kinder ohne Stimme: Andrzej Wajdas Film „Korczak“

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch in den nächsten Wochen ein paar Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Martina Winkler (Kiel)


Spätestens seit dem 19. Jahrhundert ist das Konzept der Kindheit in der westlichen Welt höchst emotional aufgeladen; Autoren und Autorinnen der Kindheitsgeschichte sprechen nicht umsonst von einem „moral project“[1] und der Sakralisierung der Kindheit[2]. Entsprechend hat diese Geschichte auch ihre Helden. Einer der größten dieser Helden dürfte Janusz Korczak sein: der polnische Erzieher und Autor, bekannt für seine pädagogischen Schriften und die Formulierung von Kinderrechten, vor allem aber für sein unermüdliches Engagement für jüdische Waisenkinder im Warschauer Ghetto. Korczak starb in den Gaskammern von Treblinka, in die er – trotz der Möglichkeit, sich selbst zu retten – „seine“ zweihundert Kinder begleitet hatte. 

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13 Aug

Fatalismus 4.0 – eine Polemik

von Birgit Beck (Berlin)

„ANN, AAL, LMAA...“ (frei nach den Fantastischen Vier) 

Digitalisierung macht alles besser. Noch viel besser macht alles Künstliche Intelligenz (KI). Vielleicht nicht für die tausenden von Mitarbeiter*innen der großen Automobilkonzerne, die in absehbarer Zeit ihre Arbeitsplätze verlieren werden, aber womöglich doch für die Verkehrsteilnehmer*innen, die bald in selbstfahrenden Autos (was übrigens semantischer Unsinn ist: ein Automobil ist ja wörtlich genommen bereits ein sich selbst – mit nur noch metaphorischen PS – Bewegendes) unterwegs sein werden, da ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, wie uns der zuständige Verkehrsminister gemahnt, zwar „gegen jeden Menschenverstand“ verstößt, autonome Flugtaxis, wie die Staatsministerin für Digitalisierung wohl in Reminiszenz an Marty McFly – alternativ den flugtaxifahrenden Chauffeur Bruce Willis oder seine deutsche Parodie Til Schweiger – vorgeschlagen hat, aber möglicherweise nicht gegen jegliche künstliche Vernunft.

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08 Aug

Medienbildung und anthropomorphe Maschinen

von Tobias Hölterhof (Köln)


Vor wenigen Woche veröffentlichte ein Startup-Unternehmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz ein Video auf YouTube. Zu sehen sind zunächst zwei Menschen: Ein Mann und eine Frau stehen bewegungslos da. Sie blicken die Zuschauenden des Videos posend an und tragen lässige Kleidung. Der Mann ist mit einem dunkelgrauen Parka, einer sandfarbenen Hose und hohen Lederstiefeln bekleidet. Die Frau ist weniger warm angezogen. Sie trägt glänzende Stiefel, eine dreiviertel lange, schwarze Hose und einen olivgrünen Pullover. Nach wenigen Sekunden springt das Video zu einer Matrix von drei mal fünf ähnlichen Bildern. Zu sehen sind zunächst sich bewegende Männer. Alle sind lässig bekleidet und verändern ruhig ihre Gebärden. Sie machen einen kleinen Schritt zur Seite oder bewegen bedacht ihre Schultern. Der Blick ist stets nach vorne auf den Zuschauenden gerichtet. Dann metamorphosieren die Personen während ihrer Bewegung zu Frauen. Manche lehnen sich an eine Wand an. Plötzlich kehrt sich die Bewegung der Personen um, als würde der Film eine kurze Zeit rückwärts laufen. Dann sind alle 15 Personen in exakt der gleichen Körperhaltung und -bewegung zu sehen. Die Männer und Frauen sind völlig unterschiedlich gekleidet jedoch halten sie ihre Arme und Hände an der gleichen Stelle. Ihre Schultern haben den gleichen Winkel, der Kopf schaut mit dem gleichen Blick und alle Beine sind leicht angewinkelt. Für einen Augenblick sind alle Bewegungen völlig simultan, dann lösen sie sich wieder aus dem Gleichschritt. Das Video springt auf eine Matrix von sechs mal zehn Bildern. Einige der nun sechzig Personen bewegen sich gleich, andere Bewegungen wirken wie horizontale Spiegelungen. Die Dramaturgie ist ungewöhnlich präzise.

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06 Aug

Ist die Alternative „Pornografie“ tatsächlich Pornografie?

von Natascha Bencze (Zürich)


Hinsichtlich des unbestreitbar grossen Einflusses, den der sexuelle Trieb auf unser Leben hat, scheinen den philosophischen Auseinandersetzungen mit der menschlichen Sexualität keine Grenzen gesetzt zu sein. Oftmals richten wir unser Verhalten, unsere Handlungen und Entscheidungen danach, was unsere potentiellen Chancen auf die Befriedigung unserer sexuellen Bedürfnisse erhöht. Welche Attribute dabei als besonders wirksam gelten und weshalb dies der Fall ist, sind Fragen, die sich einerseits mit den individuellen Vorlieben befassen, andererseits aber auch übertragen auf die Gesellschaft und in Bezug auf die Kultur untersucht werden. Kulturübergreifende Vergleiche können dabei äusserst aufschlussreich sein. In vielen Kulturkreisen gilt das Sprechen über dieses Anliegen jedoch als Tabu. Dass in einer Gesellschaft im öffentlichen Diskurs nicht darüber gesprochen wird, bedeutet jedoch nicht, dass die Bevölkerung ihren Vorlieben nicht nachgeht. Der Internetzugriff ermöglicht es uns heute, in wenigen einfachen Schritten pornografisches Material aufzurufen und meist kostenfrei anzusehen. Da es ebenso einfach ist, selbst Material hochzuladen, scheint es keine sexuelle Fantasie zu geben, welche von der Online-Welt der Pornografie nicht abgedeckt wird.

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01 Aug

Theologie und Philosophie im Zeichen der Pluralität

von Michael Bongardt (Universität Siegen)


Es mag sie einmal gegeben haben: Die Zeiten, in denen sich die meisten Gläubigen und ihre Theologen ihres Glaubens gewiss waren; in denen sich die meisten Philosophen der Vernunft sicher waren. Und es mag sie auch heute noch geben: Menschen, die sich ihres Glaubens gewiss und / oder der Vernunft sicher sind.

Zweifel

Doch es ist unübersehbar, dass zumindest in den westeuropäischen Ländern, und nur auf diese beziehen sich meine Beobachtungen und Überlegungen, nagende Zweifel dem Gebälk alter Sicherheiten heftig zusetzen. Die wohl stärkste Infragestellung christlicher Wahrheitsgewissheit geht von der Erfahrung einer unhintergehbaren Vielfalt aus. Menschen, die anderen Religionen – oder gar keiner Religion – angehören, leben ihre Überzeugungen nicht weniger beeindruckend und nicht weniger gebrochen als Katholikinnen und Protestanten. Und in den meisten Lebensbereichen des Alltags, von der Arbeit bis in die Freizeit, vom Konsum bis in die Nutzung von Technik, spielt die religiöse Überzeugung keine Rolle mehr. Gläubige werden nicht mehr nach ihrem Glauben gefragt. Auch für sie selbst hat er in den meisten Kontexten ihres Lebens keine Bedeutung mehr. Die Behauptung von der transzendenten Wahrheit, gar der alleinigen Wahrheit des Christentums verliert durch diese Erfahrungen ihre Glaubwürdigkeit. Nicht anders in der Philosophie. Die Einsicht in die Kontingenz jeder Erkenntnis und aller Systeme, in die Unerreichbarkeit der Wirklichkeit hinter den Vorstellungen, die wir uns von ihr machen, hat zu der verbreiteten Gewohnheit geführt, statt von der einen Vernunft lieber vom Plural der Rationalitäten zu sprechen.

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30 Jul

Verantwortung und Künstliche Intelligenz

von Philipp Kellmeyer (Freiburg)


Technologische Konvergenz: Digitalisierung, Big Data, Deep Learning

Künstliche Intelligenz (KI) ist, zusammen mit Digitalisierung und Big Data, ein zentrales Schlagwort und Sinnbild für einen umfassenden technosozialen Wandel. Digitalisierung umfasst im Wesentlichen die Transformation der informationstechnologischen (IT) Infrastruktur—mit dem Ziel systematisch Daten digital erfassen, aufbereiten und verwerten zu können. Erfolgreiche Digitalisierung bedeutet in diesem Sinne, dass sektorspezifisch, beispielsweise in der Medizin oder dem Verkehrswesen, Dateninfrastrukturen aufgebaut werden, die die systematische Verfügbarkeit von großen Datenmengen (big data) zur Analyse mit fortgeschrittenen Methoden des maschinellen Lernens, oftmals idealiter in Echtzeit, ermöglichen.

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23 Jul

Digitalisierung und philosophische Bildung

von Klaus Feldmann (Wuppertal)


Mit dem Vorhaben der Digitalisierung wird gegenwärtig eine Neustrukturierung und -ausrichtung des Lehrens und Lernens in allen Bildungsinstitutionen gefordert. In Deutschland, welches in der Bildungspolitik föderal organisiert ist, wird für den sogenannten Digitalpakt zwischen den einzelnen Ländern und dem Bund das Grundgesetz geändert, so kann die Bundesregierung im Rahmen der Länderhoheitsaufgabe Bildung Gelder für eine Digitalisierung in Bildungsinstitutionen zur Verfügung stellen. Dabei ist die gegenwärtige Diskussion auf die Schaffung von Infrastruktur als Voraussetzung für die Möglichkeit digitaler Bildung fokussiert. Zwar wurde durch die fallengelassene Forderung einer 50:50-Bund-Länderfinanzierung aller Digitalisierungsprojekte versucht, den Investitionsanteil auf Länderseite festzu­schreiben, die für die Fort- und Ausbildung von Lehrkräften und damit Implementation von digitalen Bildungskonzepten verantwortlich sind, aber das legitime Beharren der Länder auf Bildungsautonomie und ihr gerechtfertigter Einwand gegen dieses starre Finanzierungsmodell bringt die Gefahr mit sich, dass digitale Infrastruktur geschaffen wird, die nicht zu den erklärten Zielen des Digitalpakts führt – die Vermittlung selbstbestimmter und verantwortungsvoller Nutzung digitaler Medien (vgl. BMBF 2019).

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25 Jul

Was genau machen eigentlich PhilosophiehistorikerInnen?

von Sebastian Bender (Berlin)

„Und was machst du so?“ ist eine Frage, die sich Philosophinnen und Philosophen häufig gegenseitig stellen, sei es am Rande von Tagungen oder auf Partys mit hinreichend vielen PhilosophInnen. Gefragt wird dabei nach dem Spezialgebiet (der Area of Specialization, kurz: AOS) zu dem jemand forscht, also nach der Thematik bzw. der Subdisziplin, mit der sich jemand hauptsächlich in Vorträgen und Publikationen beschäftigt. Typische Antworten sind etwa „Metaphysik“, „Ethik“, oder „politische Philosophie“ (manchmal fallen die Antworten auch spezieller aus, man hört also Antworten wie „Ich beschäftige mich mit Modalität“ oder „Ich arbeite zu Theorien der sozialen Gerechtigkeit“). Ich antworte auf die eingangs genannte Frage meistens: „Ich mach’ Frühe Neuzeit“.

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