15 Jan

#MeToo und die akademische Philosophie

Von Norbert Paulo (Graz & Salzburg)

 

Was #MeToo mit der akademischen Philosophie zu tun hat? Leider eine Menge. Die #MeToo-Debatte betrifft zwar vor allem sexuelle Gewalt, darüber hinaus aber auch andere systematische Benachteiligungen wegen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe innerhalb bestehender Machtverhältnisse. Ich glaube, dass die Art und Weise, wie wir an den Universitäten Philosophie betreiben, solchen Benachteiligungen förderlich ist. Die Lösung ist simpel: Wir sollten anders Philosophie betreiben.

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10 Jan

Was trägt? Philosophische Religionskritik als Belastbarkeitstest und (Selbst-)Aufklärung

von Ana Honnacker (Hannover)


Wie verhalten sich Philosophie und Religion zueinander? Was auf den ersten Blick zunächst als scheinbar einfache (und vermeintlich längst geklärte) Frage daherkommt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als beinahe unentwirrbare Problemstellung, handelt es sich doch um zwei Phänomenkomplexe, denen nicht gut beizukommen ist, da ihr Gegenstandsbereich je nach (kulturellem und historischem) Blickwinkel und Vorverständnis variiert. Über das Verhältnis von Philosophie und Religion nachzudenken, erfordert dementsprechend eine gleichermaßen heikle wie verräterische definitorische Eingrenzung dessen, was man jeweils unter Philosophie und Religion versteht, und das heißt eben auch: verstanden wissen möchte.

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08 Jan

Schule als ‚Bollwerk der Bildung‘

von Thomas Rucker (Bern)


„Schule muß heute eine Institution zur Verteidigung der Bildung werden. Ja, sie stellt vielleicht das letzte Bollwerk dar, in dessen Schutz Bildung in dem ihrer Geschichte angemessenen Sinn bewahrt, aber auch gewährt werden kann“ – Dieser Satz stammt von Theodor Ballauff und findet sich in einem kleinen Bändchen aus dem Jahre 1964 mit dem Titel Die Schule der Zukunft.[1] Der Satz könnte ebenso heute formuliert worden sein, denn Bildung im pädagogischen Verständnis ist auch im Jahre 2018 keine Selbstverständlichkeit, auf die man rekurriert, wenn Schule zum Thema gemacht wird. Ballauff ist sich freilich darüber im Klaren, dass die Schule zunächst einmal als eine Institution, d.h. eine auf Dauer gestellte Problemlöseinstanz der Gesellschaft begriffen werden muss und in diesem Sinne nicht nur ein Ort der Ermöglichung von Bildung ist bzw. sein kann. Gleichwohl insistiert Ballauff darauf, dass es für eine pädagogische Perspektive auf Schule, die sich ihrer philosophischen Tradition verpflichtet weiß, von großer Bedeutung ist, Schule als einen (möglichen) ‚Ort‘ der Bildung in den Blick zu rücken.

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03 Jan

Was Melvilles Moby Dick mit dem Sinn des Lebens zu tun hat

von Susanne Hiekel (Duisburg-Essen)


Moby Dick wird wohl üblicherweise als Abenteuerroman aufgefasst und die im Titel hergestellte Verbindung zum Thema des Blogs scheint auf den ersten Blick seltsam zu sein. Der zweite Blick – durch die Brille der Autoren Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly – eröffnet allerdings die Verbindung. In All Things Shining stellen Dreyfus und Kelly exemplarisch anhand moderner Klassiker der westlichen Literatur eine Entwicklungsgeschichte von philosophischen Haltungen zur Lebenssinnfrage dar. Sie skizzieren diese Geschichte ausgehend von der verzauberten Welt eines Homerischen Polytheismus und endend in der heutigen entzauberten Welt, die dem Aufklärungsgedanken autonomen Entscheidens verpflichtet ist und mit einem Lebenssinn-Nihilismus einhergeht. Der moderne Klassiker Infinite Jest von David Foster Wallace (im Deutschen Unendlicher Spaß) exemplifiziert diese nihilistische Haltung. Diesem Werk geht nun Melvilles Moby Dick von 1851 voraus, und bildet den Autoren zufolge mit bestimmten Inhalten sozusagen die Vorstufe, die zum Nihilismus führt. Dreyfus und Kelly selbst plädieren allerdings für eine Renaissance eines Homerischen Polytheismus, bei dem wir „act at our best when we open ourselves to being drawn from without.“ (Dreyfus und Kelly 2011, S. 142).

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27 Dez

Das große Postdoc-Rennen oder: Wie wollen wir regeln, wer auf’s Siegertreppchen kommt?

von Christine Bratu (München)

 

Wenn wir kurz von den riesigen Privilegien absehen, die auch ein befristeter Job in der akademischen Philosophie mit sich bringt (etwa dass man für’s Philosophieren bezahlt wird; dem kontinuierlichen Austausch mit Studierenden und Kolleg*innen;  den mehr oder weniger flexiblen Arbeitszeiten), fühlt sich das Postdoc-Leben mitunter wie ein großes Wettrennen an. Und zwar eines, dessen Siegertreppchen viel zu klein ist, um darauf dauerhaft für alle Beteiligten Platz zu schaffen. Ein Großteil der Läufer*innen wird also leer ausgehen – und alle wissen das. Das sorgt an sich schon für Stress, das haben Konkurrenzsituationen nun mal so an sich. Zudem erfolgt das große Postdoc- Rennen auch noch in einer Lebensphase, in der sich viele mehr Planungssicherheit wünschen, etwa weil sie selbst eine Familie gründen wollen oder sich um älter werdende Angehörige kümmern müssen. In solchen Situationen wäre es schon sehr hilfreich absehen zu können, ob man in zwei, drei Jahren noch in derselben Stadt leben oder einen Wohnungskredit abbezahlen können wird.

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20 Dez

Sollten wir alle Feministen sein? Feministische Bildung für junge Männer

von Johannes Giesinger (Zürich)


„We Should All Be Feminists“ – so lautet der Titel eines Ted-Talks, der von der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie im Jahre 2012 gehalten wurde und 2014 in Buchform erschien.[i] Der Titel traf gerade deshalb einen Nerv, weil der Begriff des Feminismus bei jungen Leuten heute nicht gut angeschrieben ist. Wenige männliche Jugendliche würden sich als „Feministen“ bezeichnen, und auch manche viele Frauen schrecken davor zurück, den Begriff auf sich selbst anzuwenden.

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18 Dez

Ist Donald Trump ein Lügner? Fake News, Lügen und Bullshit

von David Lanius (Karlsruhe) & Romy Jaster (Berlin)

 

Wenn das Thema auf Fake News kommt, dauert es nicht lange bis der Name des US-Präsidenten fällt. Donald Trump ist eine unerschöpfliche Quelle von Fake News. Wie kein Zweiter nutzt er die neuen Medien, um Falschheiten und Irreführungen in die Welt zu setzen. Denken wir nur an seine Tweets über steigende Mordraten, vergewaltigende Mexikaner, Chinas Erfindung des Klimawandels, die Besucherzahlen seiner Amtseinweihung oder massenhaften Wahlbetrug zugunsten seiner Rivalin Hillary Clinton. Trumps Behauptungen in den sozialen Medien umfassen inzwischen Tausende nachweisbarer Falschaussagen. Derart lax ist sein Umgang mit der Wahrheit, dass Journalisten in Washington verzweifeln. Einer äußerte sich dazu mit den inzwischen geflügelten Worten: „Das ist es, was es so schwierig macht, über Trump zu berichten: Was meint er, wenn er Worte sagt?”

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13 Dez

Genormte Ursachen. Die Experimentelle Philosophie der kausalen Kognition

von Lara Kirfel (London)

 

Man kennt das vielleicht: Da probiert man zum ersten mal die neue Radstrecke zur Uni aus, und mitten auf der neuen Route hat das Fahrrad einen Platten. Nimmt mal eine andere Backform als sonst, und schon brennt der Auflauf an. Oder auch: Fährt bei Rot über die Ampel, und dann macht nach ein paar Metern die Autobatterie schlapp.

Wenn uns negative Ereignisse im Alltag widerfahren, schaltet sich in unseren Köpfen oft automatisch ein Wenn-Dann Denken ein: “Hätte ich mal lieber X nicht getan, dann wäre Y sicher nicht passiert”. Dabei glauben wir oft intuitiv zu wissen, wie die Dinge hätten anders laufen sollen: Hätte ich nicht die neue Radstrecke auspropiert. Die eine Backform benutzt. Wäre ich besser bei Grün gefahren. Dann wären all diese Dinge vielleicht nicht passiert. Dabei war der Reifen bereits hinüber, die Backzeit zu lange kalkuliert, die Batterie kurz vor ihrem Ende. Und dennoch, so scheint es, konzentrieren wir uns in solchen Fällen gesondert auf die Abnormitäten der Situation. Wären wir in diesen Situationen nicht von den Normen des Alltags abgewichen – vielleicht wäre alles ganz anders gekommen.

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11 Dez

Erziehen durch Erzählen. Moralische Bildung im Raum des Fiktionalen

von Anke Redecker (Bonn)


Versteht man Bildung als ein sinn- und verantwortungsvolles Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu anderen, anderem und sich selbst, so kann damit ein Humboldtsches Bildungsverständnis angesprochen werden,[1] das sich im fortlaufenden – zum Beispiel wahrnehmenden, bestimmenden und wertenden – Bezug des Menschen zur Welt charakterisieren lässt. Da es sich bei diesem Weltbezug nicht um „meine“ von mir –zum Beispiel  ideologisch oder kulturspezifisch – zurechtgedachte Welt, sondern um „die“ Welt handelt, ist mit dieser Auseinandersetzung zugleich eine zwar je perspektivische, aber letztlich kosmopolitische Relation[2] verbunden, geht es doch um „den“ Menschen schlechthin, der die Welt – mit ihren vielfältigen Bewohnerinnen und Bewohnern – erfährt und zu verstehen versucht sowie zu verantwortlichen weltbezogenen Urteilen und Gestaltungen aufgerufen ist.

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06 Dez

Populäre Philosophie? Von der Quadratur des Kreises zu guter Laune und bunten Kleidern

von Mara-Daria Cojocaru (München)


Neulich war ich auf einer Veranstaltung der Zoological Society London zum Thema Wildtiere und menschliches Wohlergehen im städtischen Raum, einer Public science-Veranstaltung, die sich an eine breitere Öffentlichkeit richtete. In einem pointierten Vortrag gelang es u.a. einer ausnehmend gut gelaunten und bunt gekleideten Professorin für Biodiversity Conservation die Relevanz ihrer von zahlreichen prestigeträchtigen Geldgebern unterstützten Forschung herauszustellen; Forschung, die sich im Wesentlichen darum bemüht, die Trennung von Mensch und Natur in städtischen Kontexten zu überwinden. Allen im Raum schien völlig klar, dass das relevant ist, dass so eine Trennung nicht gut sein kann: “an sich” nicht – und auch da ihre Überwindung die individuelle Gesundheit fördert und Einsparungen bis zu 2 Millionen GBP verspricht. Natürlich gab es ein paar offene Fragen, will sagen, nicht alles wurde abschließend geklärt – wie auch? Die Forschung soll ja weitergehen. Ganz klar war aber, dass die vorläufigen Ergebnisse und Einschätzung zeigten, dass besagte Professorin den richtigen Weg mit ihrer Forschung eingeschlagen hatte. Mich hat beeindruckt, wie klar die Relevanz dieser Forschung war und wie gut dieses Public science-Event funktioniert hat. Selbst die anderen Wissenschaftler*innen im Raum schienen zufrieden! Warum, so fragte ich mich als jemand, der seit fast zehn Jahren nahezu alles an Public oder Popular philosophy – vom philosophischen Speed-Dating bis zum Diskussions-Marathon – mitgemacht hat, warum klappt das für die Philosophie nicht so? Am Ende solcher Veranstaltungen in der Philosophie hat man meiner Erfahrung nach nicht nur immer mehr Fragen als einen klaren Weg für die Zukunft im Umgang mit den Problemen, sondern oft Zweifel, ob hier überhaupt der richtige Weg eingeschlagen worden ist, und vor allem: unzufriedene akademische Philosoph*innen.

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