01 Dez

Onkomoderne. Kapitalismus und/als Krankheit.

Von Michaela Wünsch (Berlin)


Onkomoderne ist eine Sammlung von Kolumnen der Berliner Künstlerin und Autorin Christina Zück, die zuerst in der Zeitschrift von hundert erschienen. Allein der programmatische Titel legt eine Zustandsbeschreibung und -analyse gegenwärtiger Verhältnisse nahe, die sich durch selbstdestruktive Expansion, Wucherung, aber auch Pathologisierung[1] von vermeintlichen Abweichungen von der Norm auszeichnet. Zück analysiert diese Verhältnisse anhand von Ereignissen, Vorträgen, Ausstellungen, Demonstrationen, Filmen, Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten und Gebäuden, denen sie alltäglich begegnet oder die sie besucht und bezieht sich in ihren ‚Diagnosen’ auf Theorien des Akzelerationismus, Anthropozäns, Marxismus und die Psychoanalyse.

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29 Nov

Informed Consent, Vulnerabilität und algorithmische Diskriminierung

Von Hauke Behrendt (Stuttgart) und Wulf Loh (IZEW Tübingen)


Zu den größten Binsen des Digitalisierungsdiskurses der letzten Jahre gehört die Einsicht, dass personenbezogene Daten für große Digitalkonzerne wie Apple, Facebook, Amazon oder Google eine Schlüsselrolle einnehmen. Mehr noch: Für manche besitzt die Ressource Daten einen vergleichbaren Stellenwert für die Plattformökonomie des digitalen Zeitalters wie das Rohöl im ancien régime des klassischen Industriekapitalismus im 20. Jahrhundert. Die ehemalige EU-Kommissarin für Verbraucherschutz, Meglena Kuneva, stellte mit Blick auf Netzbetreiber und Großunternehmen bereits vor mittlerweile mehr als 10 Jahren fest: „Personal data is the new oil of the Internet and the new currency of the digital world“ (Speech 09/156, 31.3.2009).

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22 Nov

Bedeutung und Sprachspiel in der Fachsprache: Kann Wissenschaftskommunikation überhaupt gelingen?

Von Jonas Blöhbaum (Darmstadt)


Die Wissenschaftskommunikation scheint auf Erfolgskurs zu sein. Aber trotzdem trifft sie nicht immer ihr Ziel und was als Aufklärung gemeint war, wird oftmals als Bevormundung wahrgenommen. Besonders deutlich wurde dieses Nebeneinander von Erfolg und Scheitern in der Coronapandemie. Mit Ludwig Wittgenstein lässt sich der Blick dafür schärfen, dass Kommunikation ein Spiel ist. Der Facettenreichtum der Sprach-Spiele ist dabei sowohl eine Schwierigkeit als auch ein nützliches Werkzeug.

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17 Nov

Multiparadigmatizität in den Wissenschaften

Von Stephan Kornmesser (Oldenburg und Hannover)


In diesem Beitrag werde ich Thomas S. Kuhns These, dass in einer paradigmenbasierten Wissenschaft immer genau ein Paradigma vorherrscht, kritisieren und für die These einer multiparadigmatischen Struktur von Wissenschaften argumentieren. Ich werde zeigen, dass es Wissenschaften gibt, die erstens paradigmenbasiert funktionieren, in denen aber zweitens nicht nur ein Paradigma in einem bestimmten Zeitraum vorherrscht, sondern zwei oder mehrere Paradigmen koexistieren.

Zu diesem Zweck werde ich im ersten Abschnitt Kuhns Paradigmenbegriff skizzieren und im zweiten Abschnitt seine These der monoparadigmatischen Wissenschaft darstellen. Im dritten Abschnitt werde ich dafür argumentieren, dass es multiparadigmatische Wissenschaften gibt, und werde auf einige Fallbeispiele multiparadigmatischer Strukturen verweisen. Anschließend werde ich drei Argumente gegen die Existenz multiparadigmatischer Strukturen vorstellen und entkräften. Im vierten Abschnitt fasse ich die Ergebnisse zusammen und deute zwei Fragestellungen an, die sich aus der Existenz multiparadigmatischer Strukturen ergeben. 

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15 Nov

Sehnsucht nach Wissenschaft. Die romantische Universität

Von Markus Steinmayr (Duisburg-Essen)


Die Idee der romantischen Universität wird in unterschiedlichen Formen und Textsorten entwickelt. Es gibt Verwaltungsschriften wie Humboldts berühmte „Denkschrift über die äußere und innere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ aus dem Jahre 1809. Anders blickt zum Beispiel Joseph von Eichendorff auf Sache und Funktion der Universität. In „Halle und Heidelberg“ wird die Universität zu einer romantischen Figur, die eine Bastion gegen die Zeitläufte darstellt. Andererseits, darauf hat Theodor: Ziolkowski in „Das Amt der Poeten. Die deutsche Romantik und ihre Institutionen“bereits 1994 aufmerksam gemacht, gibt es wohl in keiner literarischen Epoche so viele studentische Helden und Passagen, die die Universität und ihre Probleme in den Mittelpunkt rücken. Schließlich ist Achim von Arnims Hollin ein Studienabbrecher, Ernst Theodor Hoffmanns Nathanael aus „Der Sandmann“ ein dem Wahnsinn verfallender Student der Physik, Anselmus aus Hoffmanns Kunstmärchen „Der goldene Topf“ ein Student der Theologie. Viele firmieren als Figuren des Anti-Akademischen, in der die Frage nach der wahren Bildung verborgen liegt.

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10 Nov

Ethische Fragen an die technische Lösung der Klimakrise [Teil II]: Was die Atombombe uns über die sittlichen Voraussetzungen der Klimakrise lehren kann

Von Hannes Wendler (Köln und Heidelberg)


Angesichts der Klimakrise erwacht ein neues sittliches Bewusstsein in der jüngeren Generation. Ethischen Selbstverständigungsangeboten wie dem Effektiven Altruismus (z.B. 80,000 hours) liegt jedoch dieselbe Mittel-Zweck Rationalität zugrunde, aus der auch die Klimakrise entsprungen ist. Die Klimakrise enthält demnach eine ethische Tiefendimension, die weder technisch noch konsequentialistisch gelöst werden kann. Um sie sichtbar zu machen, vergleiche ich die Klimakrise mit der Atombombe, da auch diese das minimalistische Mittel-Zweck Schema sprengt. Die ethische Überforderung, mit der uns Klimawandel und Atombombe konfrontieren, kann nicht auf alten Wegen umgangen werden. Die einzige Ethik, die dem homo faber der Mittel-Zweck Rationalität übrigbleibt, ist eine Ethik des Sterben-Lernens (vgl. Scranton, 2015). Hiermit stehen wir vor der ethischen Grundsatzfrage schlechthin, nämlich der Frage nach uns selbst: die Frage nach einem neuen Menschen. Es ist nur scheinbar paradox, dass die wichtigsten Vorbilder für den sittlichen Fortschritt in der Vergangenheit zu finden sind: Mit Max Scheler (1923) suche ich nach einer klimaethischen Überwindung der Mittel-Zweck Rationalität in der kosmisch-vitalen Emotionalität des hl. Franziskus von Assisi.

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08 Nov

Ethische Fragen an die technische Lösung der Klimakrise [Teil I]: Warum die ökologische Krise nicht durch dieselbe Zweck-Mittel-Rationalität gelöst werden kann, aus welcher sie hervorgegangen ist

Von Hannes Wendler (Köln und Heidelberg)


Angesichts der Klimakrise kommt es zu einem neuen Selbstverständnis der betroffenen, größtenteils jungen Generationen. Anders als sich vermuten ließe, begreift diese sich nicht als nihilistische, sondern als moralische Generation, die durch eine distinkte Aufbruchsstimmung charakterisiert werden muss. Obgleich aus der Selbstverständigung dieser Generation begrüßenswerte, ethische Reflexionen wie der Effektive Alturismus (80.000 Hours, Open Philanthropy, The Center for Effective Philanthropoy) hervorgegangen sind, gelingt es diesen neuen Denkansätzen nicht die Mittel-Zweck-Rationalität zu überwinden, welche ihnen und der Klimakrise gemeinsam zugrunde liegt. Zwar stellt der konzeptuelle Minimalismus derartiger neo-utilitaristischer Strömungen vielfältige Anknüpfungspunkte für Gesellschaft und Kultur sicher, jedoch begünstigt er ebenfalls den szientistischen bzw. technokratischen Glauben daran, die Krise könne durch eine technische Neuerung allein gelöst werden. Demgegenüber argumentiere ich im Folgenden für einen ethischen Maximalismus, demzufolge ein gerade noch verträgliches Quäntchen sittlicher Ausrichtung zur Krisenbewältigung nicht ausreichen wird.


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03 Nov

„Karl May würde AfD wählen!“ Ein mutmaßlicher Wahlkampfslogan von 2023 und seine Vorgeschichte

Von Christian Niemeyer (Berlin)


Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brüten?

Nietzsche: Also sprach Zarathustra III

Mein Kriegspfad gegen Bellizist*innen aller Couleur (vorwiegende schwarze, aber auch gelbe wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die mir ausgerechnet heute, beim Schreiben dieser Zeilen, per Phoenix-TV ein Ohr abkaut pro Leopard II in der Ukraine), aber auch mein Eintreten pro Vernunft und Aufklärung lockten mich am 25. August 2022 um 14.20 in Berlin ins Kino, zwecks Besichtigung des allerneuesten Machwerks der Huldiger des politisch inkorrekten und deswegen mittels ‚kalter Bücherverbrennung‘ abzustrafenden Reiseschriftstellers Karl May. So ähnlich jedenfalls am 31.1.2022 Hadija Haruna-Oelker in der FR zum Film Der junge Häuptling Winnetou, der damals, parallel zu Karl Mays 180. Geburtstag, uraufgeführt werden sollte. Da sei Haruna-Oelker vor, die sich ganz weit aus dem Fenster lehnte: „Der Trailer verspricht Übles, was rassistische Klischees samt geschichtsrevisonistischer Romantisierung von Kolonialismus und dazugehörigen Völkermord angeht.“ Dass es ihr um das Ganze geht, zeigt der Nachsatz: „Aber wer will schon den Spirit von Karl May auflegen. Bravo! Oder Helau.“ (FR v. 31.1.22)

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27 Okt

Politik für das Postwachstum

Von Max Koch (Lund)


Ein halbes Jahrhundert ist seit der Publikation der bahnbrechenden Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ von Meadows et al. vergangen. Seitdem hat die Literatur der ökologischen Ökonomie, des Postwachstums (Degrowth) und der nachhaltigen Wohlfahrt (sustainable welfare) immer wieder darauf hingewiesen, dass eine umfassende ökologisch-soziale Transformation möglichst bald eingeleitet werden müsste, um westliche Produktions- und Konsumtionsmuster mit planetarischen Grenzen in Einklang zu bringen. Da es dem vom politischen Mainstream seit Jahrzehnten zelebrierten „grünen Wachstum“ an empirischer Evidenz fehlt (Haberl et al. 2020), muss bei den erforderlichen gesellschaftlichen und ökonomischen Umstellungen auf weiteres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verzichtet werden – zumindest im globalen Norden.

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25 Okt

Die Philosophie von Severance

Von Rebecca Bachmann (Kassel)


„Who are you“ – das ist nicht nur eine Grundsatzfrage der Philosophie, sondern auch der erste Satz der 2022 erschienenen Serie Severance. Die Serie gleicht in ihrer Prämisse einem philosophischen Gedankenexperiment: Stell dir vor, es gibt einen Chip, der es dir ermöglicht, dein Selbst in zwei Teile zu spalten: Ein privates und ein Jobselbst. Ihr teilt euch zwar einen Körper, dein Jobselbst ist aber nur für die Arbeit zuständig, dein privates Selbst für den Rest, beide wissen nichts vom Alltag des anderen – die perfekte Work-Life-Balance!

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