28 Jun

Lakatos’ Synthese von Popper und Kuhn

Von Gerhard Schurz (Düsseldorf)


Als ich die Arbeit von Imre Lakatos “Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme” (1974) als Student das erste Mal las, war ich beeindruckt. Lakatos schaffte es darin nämlich, zwei wissenschaftstheoretische Perspektiven zu verbinden, die mir bis dahin als unversöhnlich erschienen waren: die von Karl Poppers “Logik der Forschung” (1935) und die von Thomas Kuhns “Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” (1967). Karl Popper vertritt in seiner Wissenschaftstheorie ein rigides Konzept von Theorienfalsifikation. Sobald sich auch nur ein Gegenbeispiel zu einer wissenschaftlichen Theorie findet, gilt diese Theorie als falsifiziert, also durch die Erfahrung widerlegt. Dies liegt daran, dass Popper zufolge alle Theorien die Form von strikten Allhypothesen haben, beispielsweise “Für all x gilt: wenn x ein Metall x, dann leitet x Strom”. Solche Allhypothesen können aus streng logischen Gründen, durch ein einziges Gegenbeispiel (ein Stück Metall, das nicht den Strom leitet) widerlegt werden. Dagegen können sie durch keine endliche Menge von positiven Beispielen verifiziert bzw. bewahrheitet werden; Popper nannte dies die “Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation”.

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23 Jun

Prafeaktisch sucht Verstärkung!

Wir betreiben den Philosophieblog praefaktisch nun seit über 4 Jahren und er hat sich zu einem wichtigen Medium in der deutschsprachigen Philosophie entwickelt. Nun suchen wir Verstärkung für unser Team. Falls Du Interesse hast den Blog gemeinsam mit uns zu betreiben und weiterzuentwickeln, dann melde Dich bitte bis 15. Juli 2022 bei uns unter blog@praefaktisch.de. Wir freuen uns über Deine Kontaktaufnahme mit kurzen Hinweisen zu Deiner Person (wer Du bist und was Du machst) und warum Du gerne bei uns mitmachen willst. Falls Du bereits Ideen hast, wie wir den Blog weiterentwickeln und verbessern könnten, dann schreib uns das bitte auch gleich.

Praefaktisch ist ein privates Blogprojekt ohne Sponsoren oder sonstige Einnahmen, daher ist mit dieser Tätigkeit auch keinerlei Entlohnung verbunden.

21 Jun

Neutral gegenüber rassistischen und rechtsextremen Positionen? Internationale Diskussionen um ‚Kontroversität‘ und ‚Positionalität‘ von (religiöser) Bildung

Von Jan-Hendrik Herbst (TU Dortmund)


Am 10. Januar titelt die Washington Post (WP): „Ein republikanischer Senator vertritt die Auffassung, dass Lehrkräfte im Unterricht über Nationalsozialismus und Faschismus ‚unparteiisch sein‘ sollen.“ Diese Position vertrat Scott Baldwin, um den es im Artikel geht, im Kontext eines Gesetzesentwurfs in Indiana (‚Bill 167‘), der es Eltern erlauben sollte, sich aktiv gegen „spaltende Ideologien“ im Klassenzimmer einzusetzen. Auch wenn Baldwin die Aussage nach heftiger Kritik etwas relativierte, steht sie doch exemplarisch für eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der eine wertebezogene Dimension von pädagogischer Praxis geleugnet bzw. eine bestimmte Form (‚pro-demokratisch‘; ‚pro-liberal‘ o.ä.) angegriffen wird. Bereits im Artikel der WP wird ein anderes Beispiel angeführt: Vor weniger als drei Monaten musste sich ein Schulverwalter in Nordtexas dafür entschuldigen, dass er Pädagog:innen dazu angewiesen hatte, Lesematerial mit „gegensätzlichen“ Ansichten zum Holocaust bereitzustellen. Der Kontext dieser Anweisung war ein neues Gesetz, welches Lehrkräfte zu einer multiperspektivischen Didaktik bei „gegenwärtig kontroversen“ Themen verpflichtete.

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14 Jun

Sustainable Development Goals und Postwachstum: Kritik der politischen Rhetorik

Von Christoph Henning (Erfurt)


Um der ökologischen Krise zu begegnen, ohne politisch unbeliebte Entscheidungen zu treffen, hat sich weltweit eine Zauber-Rhetorik verbreitet: Wir können alles ändern und zugleichweitermachen wie bisher. Diese global veröffentlichte Meinung manifestiert sich nicht nur in Parteiprogrammen, sondern auch in den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der UNO von 2015. Bei näherem Hinsehen lassen sie sich allerdings nur dann umsetzen, wenn sie mit einer Strategie der Reduzierung wirtschaftlichen Verbrauchs einhergehen, also mit Postwachstum. Das will dieser Blog zeigen.

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07 Jun

Romantische Inszenierungen. Oder: Von Projekten und Beleuchtungszauber

Von Christian Jany (ETH Zürich)


Ist von “Romantik” die Rede, stellt sich leicht Verwirrung ein. Die Bedeutung des Wortes ist unklar, der Gebrauch ambivalent, schillernd, schwer fassbar. Das zugrunde liegende Adjektiv “romantisch” kann laut Lexikon soviel wie schön, empfindsam, stimmungsvoll, tiefsinnig, geheimnisvoll, malerisch, aber auch schräg, rührselig, abenteuerlich, weltfremd, unrealistisch, schmalzig bedeuten. Gegensätzliches prallt in dem Wort aufeinander, ja es versetzt regelrechte Antithesen – Fantasie und Verstand, Sentimentalität und Ironie, Kontrolle und Ekstase, Kunst und Kitsch – in eine paradoxe Einheit. Paradoxe Analogiebildungen und Wechselbestimmungen stehen darum nicht selten im Zentrum dieses nicht nur deutschen, sondern europäischen “Faszinationsbegriffs” (Karlheinz Stierle).

Die Unsicherheit darüber, was das Romantische sei, steht tatsächlich am Anfang der literaturhistorischen Epoche der Romantik. Im November 1797 schreibt Friedrich Schlegel, einer der Cheftheoretiker der frühen Romantik, seinem Bruder: “Meine Erklärung des Worts romantisch kann ich Dir nicht gut schicken, weil sie – 125 Bogen lang ist!” Er vertröstet den Bruder auf die Zukunft: “Lass mir das immer.” Dass diese ausufernde Definition jemals vorlag, ist unwahrscheinlich. Eher handelte es sich um ein Projekt, das der Tausendsassa und Vielschreiber Friedrich Schlegel nebst so vielen anderen Projekten auch einmal in Angriff nehmen wollte.

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01 Jun

2022: 100 Jahre Kuhn, 60 Jahre Structure

Von Paul Hoyningen-Huene (Zürich)


Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (SSR)

Die bedeutendste Einzelpublikation in der Wissenschaftsphilosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Thomas Kuhns Buch von 1962 Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen (SSR). Das Buch hat aus dem früher etwas exotischen Wort «Paradigma» ein Wort der Alltagssprache gemacht. Es sind weit über eine Million Exemplare des Werks auf Englisch und mehr als zwei Dutzend Übersetzungen erschienen. Dieses Buch hat eine enorme Wirkung auf eine grosse Zahl von Disziplinen ausgeübt. Das ist sehr erstaunlich, denn schon aus dem Inhaltsverzeichnis von SSR wird ersichtlich, dass Kuhn ein allgemeines Entwicklungsschema (oder «Phasenmodell») der Wissenschaftsentwicklung aufstellt, und dies eingeschränkt auf die Grundlagendisziplinen der Naturwissenschaften, vor allem Astronomie, Physik und Chemie. Wieso sollte das eine breitere akademische Öffentlichkeit ausserhalb der Naturwissenschaftsgeschichte interessieren? Dazu werde ich weiter unten kommen. Zunächst aber müssen wir Kuhns Ausgangspunkt in SSR behandeln, der ihn zu seinem Phasenmodell der Wissenschaftsentwicklung führt.

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24 Mai

Grenzen des Wachstums oder Wachstum der Grenzen?

Von Ingo Pies (Halle-Wittenberg)


Das 1972 als Bericht an den Club of Rome publizierte Buch über die Grenzen des Wachstums hat in den letzten fünf Jahrzehnten eine ganz außerordentliche Wirkung entfaltet: Es hat der öffentlichen Diskussion über die nachhaltige Entwicklung der Weltgesellschaft ein intuitiv eingängiges Paradigma vorgegeben, einen Denkrahmen, der vorbestimmt, wie die Problemstellung gedacht wird sowie welche Problemlösungsoptionen ins Blickfeld geraten – und welche nicht.

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19 Mai

Die Philosophie-Konzeption des späten Wittgenstein

Von Nicole Rathgeb (Bern)


Dem späten Wittgenstein zufolge ist die Philosophie „ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ (PU § 109). Philosophische Probleme basieren auf sprachlich-begrifflichen Verwirrungen und werden gelöst oder aufgelöst, indem diese Verwirrungen beseitigt werden: indem wir uns einen Überblick darüber verschaffen, wie die für das jeweilige philosophische Problem relevanten sprachlichen Ausdrücke normalerweise verwendet werden. Als Beispiel kann das Problem des Fremdpsychischen herangezogen werden: Es scheint, als hätten wir nur zu unserem eigenen Innenleben einen direkten Zugang und nähmen von anderen Personen unmittelbar nur ihr Verhalten wahr. Können wir dann überhaupt mit Sicherheit wissen, welche Überzeugungen, Absichten und Wünsche andere Personen haben, ob sie z.B. gerade Schmerzen haben oder sich langweilen – oder ob sie überhaupt einen Geist bzw. ein Bewusstsein besitzen?

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17 Mai

Romantischer Republikanismus

Von Philipp Hölzing (Berlin)


»Gut für die Poesie, schlecht für die Politik.«[1] So lautet ein geläufiges Urteil über die Romantik, die als Entstehungsherd des modernen Irrationalismus gilt und vom Nationalsozialismus bis zu den heutigen Querdenkern für Allerlei verantwortlich sein soll. Dagegen wird hier die These verfochten, dass wir am Beispiel Friedrich Schlegels in der Frühromantik eine progressive politische Philosophie antreffen, die eine Radikalisierung des politischen Denkens der Aufklärung betreibt. In Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, mit dem philosophischen Denken seiner Zeit und insbesondere mit Immanuel Kant radikalisiert Schlegel dessen kosmopolitischen Republikanismus.

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12 Mai

Deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine. Ein Offener Brief mit guten, aber nicht universell verpflichtenden moralischen Gründen

von Stephan Wagner (Münster)


In den vergangenen Tagen sorgte ein Offener Brief für einigen medialen Aufruhr, in dem eine Gruppe erstunterzeichnender Prominenter, unter ihnen einige prominente Jurist*innen und Philosoph*innen, den Bundeskanzler zu Besonnenheit in der Ukrainekrise mahnt und ihn ausdrücklich dazu auffordert, „weder direkt noch indirekt, weitere schwere Waffen an die Ukraine [zu] liefern“. Inhaltliche Hauptargumente des Briefes, bezüglich derer „Grenzlinien […] jetzt erreicht“ seien, sind die kategorisch abzuwendende Gefahr eines Atomkriegs sowie das Leiden der ukrainischen Zivilbevölkerung.

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