27 Sep

Sprachlose Opfer. Zum Zusammenhang von institutionalisierter Gewalt und epistemischem Unrecht

Von Dietrich Schotte (Regensburg)


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der in einem Schwerpunkt zur epistemischen Ungerechtigkeit in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift für Praktische Philosophie (ZfPP) erschienen ist. Der Aufsatz kann auf der Website der ZfPP kostenlos heruntergeladen werden.

Dieser Blogbeitrag kann auch als Podcast gehört und heruntergeladen werden:


Nach den zahlreichen Erfahrungsberichten, Dokumentationen und juristischen Gutachten der letzten Jahre kann niemand mehr leugnen, dass über Jahrzehnte, mutmaßlich über Jahrhunderte hinweg in der katholischen Kirche in monströsem Ausmaß sexualisierte Gewalt gegen ‘Schutzbefohlene’ ausgeübt, geduldet, bagatellisiert, erlaubt und vertuscht wurde. Besonders verstörend ist der ebenfalls nicht zu leugnende Umstand, dass die Betroffenen nicht allein nicht gehört wurden – sondern dass sie selbst oft nicht in der Lage waren, ihre Erfahrungen als das zu erkennen und zu benennen, was sie waren: sexualisierte Gewalt (und auch die irreführende, aber gebräuchliche Rede vom „sexuellen Missbrauch“ übernehmen sie nicht). Die Strukturen der katholischen Kirche machten die Opfer, so scheint es, nicht nur wehrlos, sondern auch sprachlos. Was die Frage provoziert, wie es geschehen kann, dass Menschen ihre eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen, das eigene Empfinden derart falsch einordnen?

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20 Sep

Politische Sozialisation und Computerspiele

Von Wulf Loh (Tübingen)

Einleitung

Als zumeist auch narratives Medium vermitteln viele Computerspiele ein bestimmtes Bild von Politik. Das heißt, sie stellen politische Werte, Legitimationsmechanismen und -strategien, Aushandlungsprozesse, Machtverteilungen und -ungleichgewichte usw. auf eine bestimmte Weise dar und leisten so – wie andere Medien auch – einen Beitrag zur politischen Sozialisation. Von anderen Medien unterscheiden sie sich allerdings nach landläufiger Meinung durch ihre höhere Immersivität und Interaktivität. Dies wirft die Frage auf, ob Computerspiele aufgrund ihrer besonderen Belohnungsstrukturen und ihrer „aktionalen Involvierung“ (Neitzel 2012) die Medienkompetenz der Nutzer:innen vor größere Herausforderungen stellen und daher in besonderer Weise Rückwirkungen auf deren demokratische Sozialisation und Sozialintegration als Citoyens haben können.

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06 Sep

Neutralität oder Autorität? Warum wir Schöneckers Beitrag veröffentlichen

Von Norbert Paulo (Graz & München)


Heute haben wir auf praefaktisch einen Beitrag von Dieter Schönecker veröffentlicht. Vermutlich werden die Meinungen zu diesem Beitrag weit auseinandergehen. Die Frage, ob wir ihn veröffentlichen sollen, hat uns einiges Kopfzerbrechen bereitet. Warum wir uns für die Veröffentlichung entschieden haben, will ich hier kurz erklären.

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06 Sep

Die Sittenwächter von PhilPublica oder über den Mangel an Einbildungskraft

Von Dieter Schönecker (Siegen)


Seit etwa dreieinhalb Jahren gibt es PhilPublica, ein Portal, das man nicht missen möchte. Es sammelt an einem übersichtlichen Platz Beiträge von Philosophinnen und Philosophen, die in verschiedenen Medien Stellung beziehen zu philosophischen und (im weiteren Sinne) politischen Themen. Eine von der DGPhil und der GAP eingesetzte Arbeitsgruppe (AG) sucht die Beiträge aus. Es ist eine Serviceleistung, die es einfacher macht, auf dem Laufenden darüber zu bleiben, was die Kolleginnen und Kollegen in der breiteren Öffentlichkeit erörtern und diskutieren. So weit, so sehr gut.

Vor kurzem habe ich PhilPublica vorgeschlagen, einen Beitrag mit dem Philosophen Michael Esfeld und dem Juristen Titus Gebel zu verlinken, der bei indubio publiziert wurde, dem podcast von Achgut.com. Das wurde abgelehnt. Hier ist die Begründung (ich zitiere mit Erlaubnis der AG):

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01 Sep

Philosophie und die Klimakrise: Ein Aufruf zum Wandel

Von Paul Schütze (Osnabrück) und Philipp Haueis (Bielefeld)


Die Klimakrise ist in vollem Gange. Schon jetzt sind die Aussichten verheerend. Inmitten dieser Krise stellen wir uns die Frage, was die Philosophie angesichts solcher Herausforderungen beitragen kann. Philosoph:innen können, wie alle anderen auch, zur Bewältigung der Krise beitragen. Aber wir argumentieren, dass sie dafür mit lang etablierten Praktiken brechen, institutionelle Grenzen in Frage stellen und die Klimakrise zu ihrem theoretischen Bezugsrahmen machen sollten. Die Dringlichkeit und Allgegenwärtigkeit des Problems erfordern, dass alle Fachrichtungen zusammenarbeiten und einen Beitrag leisten. Philosophieren in der Klimakrise bedeutet zu verstehen, dass sich jede Dimension unserer natürlichen, materiellen und sozialen Welt radikal verändern wird, auch die philosophische Praxis.

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23 Aug

Verspielte Perspektive. Zum ethischen Potenzial von Games

Martin Henning (Tübingen) und Patricia Wolny (Passau)


Digitale Spiele sind längst kein Nischenprodukt mehr, sondern nehmen in der aktuellen Populärkultur eine zentrale Stellung ein. Dabei prägen sie auch unsere Vorstellungen, wie die Welt beschaffen ist und wie wir uns handelnd in dieser Welt verhalten können, wesentlich mit. Im Folgenden soll deshalb nach einem spezifischen ethischen Potenzial des Video- und Computerspiels gefragt werden.

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17 Aug

Die philosophisch anspruchsvolle Hinterlassenschaft des Berichtes „Grenzen des Wachstums“

Von Eugen Pissarskoi (Tübingen)


Vor 50 Jahren ist der Bericht an den Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ erschienen. Seine Autor*innen – Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers und William W. Behrens III – behaupteten darin:

Wenn das weltweite Wachstum der Bevölkerung und der Industrieproduktion aufrechterhalten bleibt, wird die Menschheit mit hoher Sicherheit die Grenzen der Tragfähigkeit des Planeten innerhalb des 21. Jahrhunderts überschreiten – d. h. seine natürlichen Ressourcen und ökologische Aufnahmekapazität derart ausgeschöpft haben, dass wirtschaftliche Schrumpfungsprozesse aufgrund von natürlichen Knappheiten ausgelöst werden.

Diese Behauptung selbst war nicht neu. Neu war ihre Begründung mithilfe eines Weltmodells, das computergestützt nicht-lineare Dynamiken mit Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen und natürlichen Systemen berechnete, die zuvor nicht berechnet werden konnten.

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09 Aug

Gerechtigkeit quo vadis? Die Suche nach Planetaren Grenzen & nach der ‚Natur‘ in Gerechtigkeitstheorien

Von Anna Wienhues (Zürich)


Es gibt jene Bücher, die wir lieben, und es gibt solche Bücher, welche uns prägen. Ein Buch, welches dazu beigetragen hat, dass ich mich jetzt ein Jahrzehnt nach dessen Lektüre mit Umweltphilosophie beschäftige, hat keinen philosophischen Anspruch. Das war der Bericht die Grenzen des Wachstums von 1972bzw. dessen Fortsetzung als Limits to Growth: The 30-Year Update von Donella Meadows und Kollegen (2004) des Club of Rome.

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02 Aug

Symphilosophie und Provokation. Zu Friedrich Schlegels 250. Geburtstag

Von Johannes Korngiebel (Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar)


Friedrich Schlegel, dessen Geburtstag sich am 10. März 2022 zum 250. Mal jährt, war ein Denker der Moderne. Weitsichtig hat er deren Probleme, aber auch Potentiale erkannt. Sein Gesamtwerk lässt sich als Auseinandersetzung mit der um 1800 erstmals umfassend spürbaren Moderneerfahrung interpretieren. Dabei geht es Schlegel nicht nur um eine Analyse des Phänomens. Er entwickelt auch Lösungsansätze, um mit den Herausforderungen der Moderne produktiv umzugehen.

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