05 Dez

„Vermännlichung“ und „Androgyn-Werden“ – Zwei Ideale menschlicher Vortrefflichkeit in den neuplatonischen Schriften. Teil 2: Das Androgyn-Werden der Seele

Von Jana Schultz (Berlin)

Im ersten Teil meines Blogbeitrags habe ich dargelegt, dass die Neuplatoniker für die Gleichheit der Tugend von Männern und Frauen argumentieren, jedoch innerhalb eines ontologischen Systems, das stets das Männliche bevorzugt. Im Metaphysischen ist die männlich konnotierte Grenze der weiblich konnotierten Unbegrenztheit (Kraft) überlegen und im Bereich der Seele ist die männlich verstandene Kontemplation den auf das Wahrnehmbare bezogenen Tätigkeiten der Seele überlegen, die weiblich gedacht werden.

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03 Dez

„Vermännlichung“ und „Androgyn-Werden“ – Zwei Ideale menschlicher Vortrefflichkeit in den neuplatonischen Schriften. Teil 1: Die Vermännlichung der Seele

Von Jana Schultz (Berlin)

Seit ungefähr drei Jahren arbeite ich an den Konzepten der „Frau“ und des „Weiblichen“ in den Schriften der neuplatonischen Philosophen. Mein Interesse ist philosophiehistorischer Natur. Ich frage nicht primär: „Wie verstehen wir die Konzepte „Männlich“ und Weiblich“, oder wie sollten wir diese verstehen? Kann uns der Neuplatonismus hier Hinweise liefern?“, Stattdessen stelle ich mir Fragen wie: „Wie konzeptualisiert der Philosoph Proklos das Weibliche in seinen metaphysischen Schriften? Ist sein Konzept innerhalb einer Schrift oder im Vergleich verschiedener Schriften konsistent oder finden Verschiebungen statt?“

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28 Nov

Wille zur Macht, Wahrheit und Moral. Große – und aktuelle – Themen der Philosophie Nietzsches

von Beatrix Himmelmann ( Tromsø)


Nietzsche ist heute ein höchst lebendiger Denker; weltweit finden seine Ideen ein Echo. Er gehört zu den meist zitierten und diskutierten Autoren der abendländischen philosophischen Tradition. Warum ist das so? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Nietzsche schrieb, philosophische Abhandlungen und Aphorismen, aber auch literarische Texte wie die Dionysos-Dithyramben, deutete wenig auf eine derart durchschlagende Wirkung. Nietzsche selbst fühlte sich oft verkannt. „Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren“, so schätzte er die eigene Stellung in der späten Schrift Ecce Homo ein. Der weit reichende Einfluss seines Denkens sollte sich tatsächlich erst nachträglich entfalten; er setzte spätestens mit der Jahrhundertwende (Nietzsche starb im August 1900) ein und verstärkte sich mit der Publikation unveröffentlichter Manuskripte aus dem Nachlass. Zu erwähnen sind besonders die späten fragmentarischen Notizen, die alle großen Themen der Philosophie Nietzsches behandeln und die zuerst 1901 unter dem – freilich irreführenden – Titel Der Wille zur Macht erschienen.

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26 Nov

„Know nothing“ als Resultat des Philosophie- und Ethikunterrichts?

von Clemens Sander (Wien)


Ein philosophiebegeisterter Schüler, der in der Oberstufe an meinem sokratisch geprägten Ethik- und Philosophieunterricht teilgenommen hatte, schenkte mir zum Abschied ein T-Shirt auf dem Sokrates’ Gesicht zu sehen ist, und darüber steht in großen Lettern: KNOW NOTHING. Natürlich freute ich mich über das herzliche Geschenk, aber es brachte mich auch zum Nachdenken: Versteht der Schüler das als Aufforderung, ist das seine Quintessenz aus der Beschäftigung mit Philosophie?

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21 Nov

Globale Armut und die kollektive Verantwortung der Jugend

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Der Titel dieses Blogbeitrags könnte provokativ wirken – welche Verantwortung für die globale Armut könnten Jugendliche schon haben? Wenn dann, sind nicht die Erwachsenen viel eher in die Pflicht zu nehmen? Diese Kritik ist nicht ganz falsch – es ist sicher nicht mein Ziel davon abzulenken, dass erwachsene Menschen die Hauptschuld für die globale Armut tragen und auch die Hauptlast ihrer Abschaffung tragen sollte. Es ist auch nicht mein Interesse in diesem Beitrag, die ethischen Gründe zu diskutieren, warum wir globale Armut abschaffen sollten und wie wir dies bewerkstelligen könnten (Beck 2016). Kurz gesagt: globale Armut zerstört das Leben von hunderten Millionen Menschen und die Verantwortung, dagegen etwas zu tun, hat zumindest zwei plausible Gründe. Nämlich, erstens, ist globale Armut ein Problem, dass durch eine ungerechte Verteilung von Gütern und wirtschaftlicher Macht erzeugt wird. Sie ist also kein Schicksal, sondern ein menschengemachtes Problem und wir alle partizipieren zumindest zu einem kleinen Teil daran. Und, zweitens, selbst, wenn wir nichts dafür können, dass es globale Armut gibt, so haben wir eine ethische Verantwortung, hier zu helfen, sofern wir es können, da wir niemanden in einem solchen schlechten Leben zurücklassen sollten. Dass wir helfen können, zumindest zu einem größeren Teil als wir es jetzt tun, scheint mir ebenso unstrittig. Genug Geld und Technik und Wissen wäre auf dieser Welt allemal vorhanden. Dass es sich bei der Bekämpfung globale Armut um eine kollektive Aufgabe handelt, ergibt sich aus eben diesen beiden Gründen. Wir alle tragen eine kleine Mitverantwortung und können etwas tun; und es ist auch sehr viel wahrscheinlicher, dass sich etwas ändert, wenn wir alle zusammen etwas tun und dadurch auch Druck auf jene Elite ausüben, die Macht und Vermögen in ihren Händen konzentriert hat.

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19 Nov

Zur Rolle von Religion und Weltanschauungen in der Tierethik

von Clemens Wustmans (Berlin)


Religiöse Überzeugungen spielen im komplexen Feld von Tierethik, Tierschutz und Tierrechtsbewegung eine ambivalente Rolle: Tierschutzvereine und Tierheime sind in großer Zahl nach Albert Schweitzer benannt, auf der Ebene sozialer Bewegungen begründen nicht wenige Menschen ihre Motivation für den Tierschutz mit ihrer religiösen Sicht auf die Welt, um sich für ihre Mitgeschöpfe einzusetzen (ein Begriff, der so auch im deutschen Tierschutzgesetz zu finden ist) und zumindest im deutschsprachigen Raum ist die Umweltbewegung der 1970er und 80er Jahre kaum ohne ihre religiöse Dimension denkbar.

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14 Nov

Antike, Kunst und Literatur. Ein Blick in die Basler Vorlesungen Friedrich Nietzsches.

von Carlotta Santini (Paris)


‚Friedrich Nietzsche und die Philologie‘ gilt seit einigen Jahren als ein echtes Schlagwort in der Nietzsche-Forschung. Viele bemerkenswerte Arbeiten haben sich schon darum bemüht, die Beziehung Nietzsches zur klassischen Philologie, zu ihren Methoden und ihren Perspektiven durch die Bestimmung und Bewertung derjenigen Faktoren zu rekonstruieren, die später für seine philosophische Reflexion fruchtbar geworden sind. Der ‚Philologe Nietzsche‘ ist in der Tat viel mehr als eine kurze Phase im Leben des ‚Philosophen Nietzsche‘. Erstens war diese Phase nicht kurz, denn sie umfasst die gesamte schulische und universitäre Ausbildung Nietzsches sowie die zehn Jahre seiner akademischen Lehrtätigkeit (bis 1879), die er nach dem in jungen Jahren erhaltenen Ruf auf den Lehrstuhl für Griechische Sprache und Literatur der Universität Basel ausübte. Zweitens war es nicht nur eine Phase, denn seine klassische Ausbildung, sein kulturelles Vermögen und seine Kenntnisse des Altertums übertrafen an Tiefe alle anderen Bereiche der Bildung Nietzsches und blieben immer die allerersten Quellen, aus denen er seine Gedanken und die Vorbilder für seine philosophischen Untersuchungen schöpfte.

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12 Nov

Was kann ich sehen, wenn ich fühle? Über das ambivalente Verhältnis von Emotion und Erkenntnis

Von Eva Weber-Guskar (Berlin)

Sine ira et studio solle man Geschichtsschreibung betreiben, heisst es schon bei Tacitus, ohne Zorn noch Zuneigung. Und das gilt bis heute für jedes Studium, für alle Forschung: um Tatsachen zu erkennen, Zusammenhänge richtig darzustellen, logische Schlüsse zu ziehen, für all das braucht es keine Gefühle – im Gegenteil. Es heisst, sie seien der Wahrheitssuche abträglich.

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07 Nov

Was ist sexuelle Intimität?

 von Sascha Settegast (Trier)


Dass Sex eine ziemlich intime Angelegenheit sein kann, würde wohl kaum jemand bestreiten. Immerhin geben wir uns nur wenigen Menschen gegenüber auf diese Weise die Blöße, indem wir alle Hüllen fallen lassen und sie ganz an uns heranlassen. Intimität ist das Gegenteil von persönlicher Distanz. Sie entsteht, wo wir anderen gegenüber bestimmte Grenzen aufgeben und uns offenbaren, wie wir sind. Da Grenzziehungen auch immer dem Selbstschutz dienen, geht echte Intimität notgedrungen damit einher, dass wir uns angreifbar machen; sie ist ohne Bereitschaft zur eigenen Verletzlichkeit nicht zu haben. Intimität ist riskant und erfordert deshalb Vertrauen dem anderen gegenüber. Dies mag ein Grund sein, weshalb Intimität im Bereich des Sexuellen in der gesellschaftlichen Imagination wesentlich mit Liebesbeziehungen verbunden ist, als etwas, das im Rahmen einer festen und exklusiven Partnerschaft seinen natürlichen Ort hat.

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06 Nov

Auf die demokratische Praxis kommt es an. Bemerkungen zur Streitkultur an Schulen als Antwort auf Johannes Drerup

Von Ole Hilbrich (Bochum)


Demokratie bezeichnet nicht allein eine zu verteidigende Ordnung des Streits. Zur demokratischen Praxis gehört es, dass darüber, wie demokratisch miteinander gestritten wird, selbst noch einmal gestritten werden kann und sollte. Auf einen solchen Streit hat sich Johannes Drerup dankenswerter Weise in einer Replik (2019a) auf meinen Kommentar zu seinen auf diesem Blog veröffentlichten Überlegungen[i] eingelassen. Wir scheinen uns einig darin, dass die demokratische Streitkultur an Schulen gegenwärtig bedroht ist und dass die Auseinandersetzung darüber, wie sie zu verbessern wäre, lohnt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf Drerups Thesen antworten. Seine Polemik verkennt nämlich den zentralen Punkt meiner Überlegungen: Die Orientierung Politischer Bildung an der Erfahrung der Pluralität und eine Offenheit für radikal andere Perspektiven öffnet keineswegs Verschwörungstheorien und einem radikalen Subjektivismus – Drerup spricht von „lazy subjectivism“ (2019a, S. 4) – Tür und Tor.

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