05 Aug

Populäre Philosophie und die intellektuelle Debatte außerhalb der Universität

Von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Forscher:innen, die auf der Universität (oder in außeruniversitären, vergleichbaren Institutionen arbeiten) sind es gewohnt, dass sie im Austausch mit Kolleg:innen stehen. Die Debatte gehört zum Kern der wissenschaftlichen Arbeit. Was aber tun, wenn das fehlt? Wie kann populäre Philosophie gelingen, ohne die Universität als sozialer Raum für Debatten am Flur, auf Tagungen, Workshops, in Zeitschriften oder über Zoom?

Weiterlesen
04 Aug

Was meinen wir mit „Rassismus“, wenn wir von Rassismus in Hegels Philosophie sprechen? Replik auf Folko Zander, Teil 2

Von Daniel James (Düsseldorf) & Franz Knappik (Bergen)


In unserem Beitrag „Das Untote in Hegel: Warum wir über seinen Rassismus reden müssen“ haben wir für eine verstärkte Auseinandersetzung mit rassistischen und pro-kolonialistischen Elementen in Hegels Philosophie plädiert. Diese Elemente, so haben wir argumentiert, stehen in engerem systematischem Zusammenhang mit heute noch populären Ideen Hegels, als uns lieb sein kann. Ehe wir an jene Ideen philosophisch anknüpfen, sollten wir daher genauer verstehen, wie sie sich genau zu den ‚untoten‘ Seiten von Hegels Denken verhalten. In einer Replik hat Folko Zanders neben anderen Kritikpunkten, auf die wir an anderer Stelle geantwortet haben, auch die Frage aufgeworfen, wie in diesem Zusammenhang der ‚Rassismus‘-Begriff zu verstehen ist.

Weiterlesen
03 Aug

Die Rolle der Ernährung im menschlichen Leben

Von Ursula Wolf (Mannheim)


Dass wir essen und trinken, ist lebensnotwendig. Weil das so ist, hat die Natur uns mit Begierden ausgestattet, die auf einen Mangel an Flüssigkeit und Nahrung hinweisen, und mit Lustgefühlen, die mit der Auffüllung des Mangels einhergehen. Die klassischen griechischen Philosophen haben diese Art des Begehrens und der Lust abgewertet, weil eine solche sinnliche Lust auch bei Tieren vorkommt und daher nicht zu dem gehören kann, was ein gutes menschliches Leben ausmacht. Platon argumentiert, das Gute und die Lust müssten zweierlei sein, weil das Gute nicht mit Schlechtem gemischt sein kann, sinnliche Lust aber immer mit Unlust gemischt ist, da die Unlust-Empfindung des Mangels und die Auffüllungslust gleichzeitig erfahren werden. Ähnlich scheidet Aristoteles das Leben des sinnlichen Genusses aus den Kandidaten für ein gutes menschliches Leben aus, weil wir es mit Tieren teilen, während es beim Menschen nur mit einer Vorbedingung des guten Lebens, der körperlichen Gesundheit, zu tun hat. Die Befriedigung der sinnlichen Bedürfnisse ist mit der Tugend der Mäßigkeit vorzunehmen, d.h. so weit, wie es für ein gutes Leben notwendig ist. Das gute Leben für den Menschen beginnt seiner Auffassung nach dort, wo solche lebensnotwendigen Voraussetzungen (zu denen nicht nur die Nahrung gehört, sondern alle materiellen Lebensbedingungen) gegeben sind und die Menschen ungestört durch Mangelempfindungen und Begierden ihr Leben in vernunftgeleiteten Tätigkeiten aktualisieren können, die nun nicht sinnliche Lust bewirken, sondern unbehinderte, frei vollzogene in sich selbst lustvoll sind.

Weiterlesen
29 Jul

Feministische Philosophie: Was, wie, weshalb?

von Christine Bratu (Göttingen) & Deborah Mühlebach (FU Berlin)


“Ach, du machst feministische Philosophie? Was genau ist das denn?“ Das sind in der Philosophie nach wie vor häufig gestellte Fragen. Ebenso sehen sich feministische Philosoph:innen zuweilen mit Nachfragen folgender Art konfrontiert: „Geschlechterunterdrückung ist zweifelsfrei ein wichtiges Thema, aber ist das denn auch philosophisch interessant?“ Solche Reaktionen auf feministische Forschungsinteressen erstaunen nicht, denn obwohl es im deutschsprachigen Raum schon seit Langem vereinzelte Philosoph:innen gibt, die feministisch arbeiten, fängt die deutschsprachige Fachgemeinschaft gerade erst an, feministische Philosophie im etwas größeren Stil für sich zu entdecken. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass manche große Fachtagungen erst neuerdings Sektionen zu feministischer Philosophie führen. Ebenso sind erst seit wenigen Jahren ein paar Stellenausschreibungen zu finden, die explizit nach dieser Spezialisierung fragen. Was also ist feministische Philosophie?

Im Grunde scheint es simpel: Feministische Philosophie ist ein Forschungsbereich, dessen Gegenstand Geschlecht in seinen zahlreichen Wirkungsformen ist. Sie fragt danach, wie die Kategorie “Geschlecht” zu fassen ist bzw. was die einzelnen Geschlechter sind. Weil Unterdrückungsverhältnisse wie Sexismus oder Transfeindlichkeit maßgeblich mitbestimmen, wie Geschlechterkategorien verstanden werden und welche sozialen Beziehungen zwischen verschiedenen Geschlechtern bestehen, liegt ein weiterer Fokus feministischer Philosophie auf der Theoretisierung geschlechtsspezifischer Unterdrückungsverhältnisse. Eng mit der Kategorie “Geschlecht” und den geschlechtsspezifischen Unterdrückungsverhältnissen verbunden ist zudem die Sexualität. Somit ist auch sie Gegenstand feministischer Philosophie.

Der Fokus auf geschlechtsspezifische Unterdrückungsverhältnisse führt im Weiteren dazu, dass zwischen der feministischen Philosophie und der critical race theory, den disability studies oder auch der trans philosophy eine enge Verbindung besteht. Denn nicht nur, dass sich diese Forschungsbereiche auch mit Macht und Unterdrückung auseinandersetzen – in unserem sozialen Gefüge sind verschiedene Unterdrückungsformen stark miteinander verwoben. Unser Verständnis von race, Klasse oder Behinderung wäre demnach verkürzt, wenn wir diese Gegenstände unabhängig von Geschlecht betrachten würden. Genauso bringt es wenig, Geschlecht isoliert von den anderen Kategorien zu untersuchen.

Neben diesen offensichtlichen Affinitäten liefern feministische Philosoph:innen schließlich Beiträge zu Diskussionen innerhalb klassischer Subdisziplinen wie zum Beispiel der Sprachphilosophie, der Erkenntnistheorie oder der Ethik. Sie untersuchen beispielsweise, welche Machtstrukturen unsere Begriffe beeinflussen, unsere Erkenntnisprozesse prägen oder verzerren und unsere ethischen Maßstäbe problematisch einfärben. Solche Beiträge erfordern von ihnen eine Expertise in mehreren Feldern. Zum einen kennen sie sich in sogenannten Mainstreamdiskussionen innerhalb der jeweiligen Subdisziplin aus. Zum anderen orientieren sie sich in ihrer Arbeit immer am breiten Kanon der feministischen Literatur. Dieser beinhaltet zentrale Arbeiten und Ideen aus unterschiedlichsten philosophischen Gebieten.

Wäre dies alles, was feministische Philosophie als Forschungsfeld ausmachte, d.h. wäre feministische Philosophie ausschließlich über einen spezifischen Gegenstandsbereich bestimmt, würde dieser Blogbeitrag hier enden oder – und das wäre viel wahrscheinlicher – es gäbe ihn gar nicht erst. Wäre die feministische Philosophie lediglich ein philosophisches Forschungsfeld wie alle anderen, bestünde hier wohl kaum das Interesse, sich einem Themenblock mit verschiedenen Blogbeiträgen zu feministischer Philosophie zu widmen. Bei anderen Forschungsfeldern wie der Sprach- oder der Moralphilosophie fragen wir uns ja für gewöhnlich auch nicht, was sie sind und insbesondere weshalb es sie (noch) braucht.

In Bezug auf die feministische Philosophie scheinen diese Fragen hingegen auf Interesse zu stoßen, was sich auch in der Häufigkeit von Ratschlägen der folgenden Art zeigt: “Sind Sie sicher, dass Sie ‘Feministische Philosophie’ als Forschungsinteresse in Ihrem offiziellen Lebenslauf angeben wollen? Damit kann man in der Fach-Community nicht wirklich für sich werben. Nicht, dass Sie dadurch rüberkommen als eine von denen, die ständig Ärger machen…” Solche Ratschläge wurden beiden Verfasserinnen in der einen oder anderen Art schon mehrfach nahegelegt. Diese Karrieretipps mögen wohlgemeint sein, sind allerdings kontraproduktiv – sowohl für diejenigen, die sich für feministische Philosophie interessieren als auch für die Themenvielfalt im Fach. Jedoch zeigen solche Ratschläge wie auch die Frage, weshalb es die feministische Philosophie noch braucht, an, dass die feministische Philosophie noch für etwas ganz Anderes steht als für ein spezifisches Forschungsfeld.

Tatsächlich zeichnet sich die feministische Philosophie nicht nur über den Forschungsgegenstand des Geschlechts aus, sondern ebenso über eine bestimmte Haltung der Forschenden. Feministisch ist Philosophie nämlich dann, wenn sie nicht nur theoretisch nachzeichnet, was Geschlecht ist und wie Geschlechterverhältnisse zu bestimmen sind, sondern wenn sie die dabei zentralen Macht- und Unterdrückungsverhältnisse mittheoretisiert und hierzu kritisch Stellung nimmt. Feministische Philosophie zu betreiben heißt demnach immer auch, Philosophie in praktischer feministischer Absicht zu betreiben. Sie zielt darauf ab, zur Abschaffung von geschlechterspezifischen Unterdrückungsverhältnissen beizutragen. Wenn also bspw. Kant oder Hegel über Geschlecht schreiben oder sich zur Situation von Frauen äußern (was sie an manchen Stellen ihrer Arbeit durchaus tun), so macht sie diese Themenwahl noch lange nicht zu feministischen Philosophen. Denn weder theoretisieren sie die zugrundeliegenden Machtstrukturen ausreichend mit und können so gar kein fundiertes Verständnis von Geschlecht entwickeln, noch kritisieren sie diese in emanzipatorischer Absicht.

Die Verschränkung von Gegenstand und Haltung in der feministischen Philosophie ist nahezu unumgänglich. Denn Unterdrückungsverhältnisse theoretisch nachzuvollziehen und sie dann praktisch zu ignorieren würde über kurz oder lang in die schlimmsten kognitiven Dissonanzen führen. Wenn feministische Philosoph:innen also Geschlecht, Geschlechterverhältnisse und Unterdrückungsformen theoretisch untersuchen, ist es nicht erstaunlich, dass diese Arbeit Erkenntnisse hervorbringt, die wiederum einen Einfluss auf die praktischen Verhältnisse des akademischen Betriebs haben. Oft sind es feministische Philosoph:innen, die sich der Bekämpfung sexistischer und anderweitig exkludierender oder unterdrückender Strukturen innerhalb der Universität widmen. Ähnlich naheliegend ist es, dass feministische Philosoph:innen sich in den meisten Fällen als Teil einer sozialen Bewegung verstehen.

Der Eindruck, dass feministische Philosoph:innen dazu neigen, Ärger zu machen, ist also nicht vollkommen unbegründet. Allerdings scheint die kritische (Selbst-)reflexion zum Selbstverständnis der meisten Philosoph:innen und das Hinterfragen fundamentaler Annahmen zum zentralen Bestandteil der Disziplin zu gehören. Daher haben wir die Hoffnung, dass der feministische Ärger in der Philosophie, wenn er auch nicht willkommen sein mag, so doch immerhin auf fruchtbaren Boden fällt.


Christine Bratu ist Professorin für Philosophie mit einem Schwerpunkt in der Genderforschung an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie interessiert sich für/ arbeitet zu feministischer Philosophie und praktischer, vor allem politischer Philosophie. Deborah Mühlebach ist zurzeit Postdoc an der FU Berlin. Ihre Arbeiten in der politischen Sprachphilosophie und Erkenntnistheorie sind immer feministisch motiviert. Nach ihrer Dissertation zur sprachlichen Bedeutung abwertender Ausdrücke widmet sie sich in ihrer Habilitation nun dem Verhältnis von Kritik und Verständn

28 Jul

Warum wir über die rassistischen und pro-kolonialistischen Elemente in Hegels Denken reden müssen: Replik auf Folko Zander, Teil 1

Von Daniel James (Düsseldorf) & Franz Knappik (Bergen)


In seiner Replik auf unseren Text „Das Untote in Hegel: Warum wir über seinen Rassismus reden müssen“ versucht Folko Zander, unseren Diskussionsbeitrag als einen bewussten Akt der Fehldeutung, der „üblen Nachrede“ und sogar des „[D]enunzieren[s]“ zu diskreditieren. Dass klassische Autoren wie Hegel in manchen Teilen der akademischen Philosophie nach wie vor als Identifikationsfiguren dienen, deren Kritik offene Empörung bis hin zu derartigen Angriffen auslöst, halten wir für einen Teil des Problems, nicht der Lösung. In der Hoffnung, dass wir damit zu der sachlichen Debatte beitragen, die die Thematik unseres Erachtens erfordert, haben wir uns dennoch dafür entschieden, auf Zanders Text zu antworten, um unsere Position gegen seine Einwände zu verteidigen, und nicht zuletzt auch, um mögliche Missverständnisse zu klären. Auf die von Zander aufgeworfene Frage, wie der Begriff des ‚Rassismus‘ in diesem Zusammenhang verstanden werden sollte, werden wir in einem eigenen Beitrag eingehen.

Weiterlesen
27 Jul

Das moralische Übel der Genfer Flüchtlingskonvention

von Frodo Podschwadek


Dieser Blogbeitrag kann auch als Podcast gehört und heruntergeladen werden:


Um es vorweg zu nehmen: Dieser Beitrag richtet sich nicht gegen Menschen, die auf der Flucht sind und entsprechend der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtlinge gelten, ebenso wenig gegen jene, die laut dieser Konvention keine Flüchtlinge sind. Was dieser Beitrag deutlich machen will, ist, dass die Unterscheidung von Flüchtlingen und ‚bloβen‘ Migranten moralisch fragwürdig ist und die Gefahr birgt, Debatten über die moralischen Rechte von Migranten aller Art ungerechterweise zu verzerren.

Weiterlesen
22 Jul

Die Macht der Affekte

Von Mesut Bayraktar (Hamburg)


»Ich denke, also bin ich« heißt es bei Descartes. Der Affektenlehre Spinozas ließe sich die Frage voranstellen: Was bin ich, wenn ich nicht denke? Der Spielball äußerer Einwirkungen, die mich affizieren. Ich bin die „menschliche Ohnmacht“ und „Unfreiheit“, „denn der den Affekten unterworfene Mensch befindet sich nicht in seiner eigenen Gewalt, sondern in der des Schicksals, in dessen Macht er gefangen ist, sodass er oft gezwungen wird, dem Schlechteren zu folgen, obgleich er das Bessere einsieht.“[1] Ich bin – aber meine Freiheit ist die Freiheit eines anderen. Sie ist unter innerer oder äußerer Notwendigkeit subsumiert.

Weiterlesen
20 Jul

Verdammt(e) Gefühle!? Vorschläge gegen Indifferenz und Gleichgültigkeit

Von Peggy H. Breitenstein (Jena)


Etwa zeitgleich mit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus haben sich eigentümlich widersinnige Reden im politischen Diskurs eingenistet: Paradoxe Formulierungen wie „alternative Fakten“, „postfaktische Politik“, „Postwahrheit“ zeigen ernsthafte Zweifel darüber an, dass über Tatsachen und Tatsachenwahrheiten eigentlich nicht gestritten werden kann. Zugleich wird diesem Zweifel auch vehement widersprochen. Dabei jedoch geraten immer wieder die Gefühle bzw. Emotionen in den Fokus, wird ihnen doch die Schuld an der Verwirrung zugeschrieben. Das Politische werde „emotionalisiert“ und Wahrheiten nur noch „gefühlt“, heißt es. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass der eigentliche Fehler im Intellekt selbst liegt: im Versäumnis, begrifflich sorgfältig und verantwortungsvoll zwischen Meinung, Tatsachen und Tatsachenwahrheiten zu unterscheiden.

Weiterlesen
15 Jul

Feminismus: Ein Blick in die Medizinethik

Von Regina Müller (Tübingen)


Das Wort Feminismus taucht in den deutschsprachigen Medizinethik-Debatten selten bis gar nicht auf. Dabei sind feministische Diskussionsfelder in der Medizinethik reichlich vorhanden, etwa die Auseinandersetzung mit Körpernormen oder der geschlechterbezogenen Datenlücke in der Medizin. Was ist also das Verhältnis von Feminismus und Medizinethik? Braucht die Medizinethik (mehr) Feminismus bzw. braucht es eine explizit feministische Medizinethik? Was wäre unter einer feministischen Medizinethik zu verstehen und was der Gewinn eines feministischen Programmes?

Weiterlesen
14 Jul

Mind the GAP, Teil II

Zur Preisfrage 2021 der GAP: “Was haben Platon, Kant oder Arendt besser verstanden als die gegenwärtige analytische Philosophie?”

Von Daniel-Pascal Zorn und Martin Lenz


Die diesjährige Preisfrage der GAP scheint auf das Verhältnis der gegenwärtigen analytischen Philosophie zur Geschichte zu zielen. Die Frage ist wichtig, hat in der gegebenen Form jedoch zumindest in den sozialen Medien ein gewisses Erstaunen ausgelöst. Da wir an einem Dialog über diese Frage interessiert sind und rasch feststellten, dass unsere Bedenken konvergieren, haben wir uns entschlossen, zwei Dinge zu tun: Erstens möchten wir die Vorannahmen der Frage näher betrachten (Teil I hier); zweitens möchten wir Kriterien möglicher Antworten ausloten.

Weiterlesen