11 Jan

Warum ich kein Vegetarier bin

Von Konrad Ott (Kiel)


In den vergangenen Jahrzehnten wurden tierethische Forderungen gesteigert. Was zunächst im utilitaristischen Paradigma (Singer 1990) mit der berechtigten Forderung nach mehr Tierwohl und weitaus weniger Tierleid begann, wurde zur Forderung nach Tierrechten (Regan 1989), nach politischen Tierrechten (Donaldson & Kymlicka 2013) und zuletzt zur Forderung, auch das Leid von Wildtieren zu reduzieren (Nussbaum 2010, Horta 2017). Die Tierrechtsbewegung postuliert ein Recht auf Leben für alle „subjects of a life“ (Regan), was ein prima-facie-Tötungsverbot impliziert. Demnach bestünde eine moralische Pflicht, weder als Produzent*in noch als Konsument*in an der Produktion fleischlicher Nahrung zu partizipieren, die nicht „in vitro“ erfolgt, sondern auf der Schlachtung von Tieren beruht. Diese Forderung präsumiert, vom moralischen Sandpunkt aus überzeugend zu sein, und sie unterstellt, dass moralische Gründe alle anderen Arten von Gründen übertrumpfen (sog. „overridingness“). Die „overridingness“ moralischer Gründe wird häufig so verstanden, dass durch sie sämtliche außer-moralischen Gründe (tendenziell) belanglos, d.h. irrelevant werden. Sofern ein Thema überhaupt vom moralischen Standpunkt aus betrachtet werden kann, entwertet dessen Einnahme alle übrigen Gesichtspunkte, die dann nach dem Schema von Pflicht und Neigung behandelt und den bloßen Neigungen oder Konventionen zugeordnet werden können. Bei Kant sind Neigungen allerdings letztlich heteronom; heutige Ethiken des guten Lebens schließen nicht aus, dass Wertschätzungen authentisch sein können.

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04 Jan

“Das wüsste ich aber!” Zur Ehrenrettung des argumentum ad ignorantiam

von Hans Rott (Regensburg)


1. Einleitung

In einer virtuellen Pressekonferenz am 30. März 2020 sagte Michael J. Ryan, der Direktor des WHO-Programms für Gesundheitsnotfälle: “there is no specific evidence to suggest that the wearing of masks by the mass population has any particular benefit.” Dass es keine Indizien dafür gebe, die belegen, dass das Tragen von Masken für die von COVID-19 heimgesuchte Allgemeinheit etwas bringt, wurde allgemein so verstanden, dass das Maskentragen keinen Effekt hat. Es galt sozusagen als Bestätigung dessen, was Jerome Adams, der Surgeon General der USA, schon einige Wochen vorher getwittert hatte: “Seriously people – stop buying masks! They are NOT effective in preventing general public from catching #Coronavirus”. So verstanden erscheint Ryans Aussage als ein typisches Beispiel des sogenannten Fehlschlusses aus der Unwissenheit: Es gibt keine Beweise für den Nutzen von Masken, also nützen sie nichts. Wenn es anders wäre, dann wüsste ich das doch! Dass dies keine gute Schlussfolgerung war, ist uns allen heute klar.[1]

SENECA äußerte den Satz “Das wüsste ich aber” immer dann, wenn er anderer Meinung war als seine Dialogpartner, gelegentlich verbunden mit einer Weigerung, Wissenslücken zuzugeben. Der Satz wurde oft als Ausdruck der Persönlichkeit SENECAS angesehen. Tatsächlich führte allerdings wohl einfach ein fehlerhafter Balpirol-Halbleiter zu einem übersteigerten Selbstbewusstsein SENECAS. SENECA ist seit der Inbetriebnahme im Jahre 3540 die zentrale Hyperinpotronik des Fernraumschiffes SOL. Die Solaner schreiben dem Computer Intelligenz und eine Seele zu. So ist es jedenfalls in den vormals berühmten deutschen Perry-Rhodan– und Atlan-Serien.[2]

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28 Dez

Absoluter Vorrang der Grundrechte? – Das Leitbild der „lexikalischen Ordnung“ der Gerechtigkeitsgrundsätze bei John Rawls

Von Björn Engelmann (Erlangen-Nürnberg)


Der vorliegende Beitrag behandelt Rawls` Leitbild der „lexikalischen Ordnung“ im Hinblick auf die beiden von ihm entwickelten Gerechtigkeitsprinzipien, nämlich (1) das System gleicher Grundfreiheiten und Chancengleichheit sowie (2) das Differenzprinzip. Hierbei werde ich zunächst eine möglichst präzise Definition des besagten Begriffs der „lexikalischen Ordnung“ voranstellen und sodann auf Anwendungsbeispiele und -probleme einer derartigen Grundfreiheits- bzw. Grundrechtskonzeption zu sprechen kommen.

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21 Dez

Ethische Ernährung – eine Chimäre

Von Gunther Hirschfelder (Regensburg)


In Homers Ilias, die am Anfang der fiktionalen Dichtung Europas steht, finden sich die Menschen in der Gewalt eines unentrinnbaren Schicksals, bedroht von unheimlichen Göttern und Kräften. Eine dieser seltsamen Gestalten ist Chimaira, ein feuerspeiendes Mischwesen, das von vorne wie ein Löwe aussieht, in der Mitte als Ziege erscheint und hinten als Schlage oder Drache daherkommt. Solche Mischwesen waren in der griechischen Mythologie verbreitet, auch Hesiod berichtete später von der Chimaira und wurde dabei konkret: In Lykien sei sie für Mensch und Tier zur ernsten Gefahr geworden. Heute glaubt natürlich niemand mehr an die Existenz antiker Mischwesen – schon eher als Resultat biotechnologischen Fortschritts. Doch dazu später mehr. Im modernen Sprachgebrauch ist aus der Chimaira die Chimäre geworden, das Trugbild.

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15 Dez

Impfskeptizismus: Anthroposoph:innen in der Verantwortung

Von Matthias Kramm (Wageningen)


Wenn ich nun das Werk Rudolf Steiners analysiere, so durch eine wissenschaftsphilosophische Linse. Es geht mir nicht darum, das Werk oder die Person Rudolf Steiners in irgendeiner Weise zu verunglimpfen. Ich habe durchaus Sympathien für einige Aspekte seines Werks, insbesondere in den Bereichen der Ästhetik und der Pädagogik. Der anthroposophisch inspirierte Joseph Beuys zählt zu meinen Lieblingskünstlern und der holistische Ansatz der Waldorfpädagogik ist – wenn auch etwas aus der Zeit gefallen – eine spannende Alternative zum verkopften humanistischen Bildungsideal oder zu dessen neoliberal ausgehöhltem Nachfolgeparadigma.

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14 Dez

“Warum sollte ich’s besser wissen als andere?” Meinungsverschiedenheiten als Quelle des Nichtwissens

von Marc Andree Weber (Mannheim)


Um zu Anfang ein wenig auszuholen: In der klassischen chinesischen Philosophie findet sich bei Zhuangzi, der ungefähr 365 v. Chr. geboren wurde, folgende berühmte Stelle:

Eines nachts träumte Zhuangzi, er sei ein Schmetterling – ein glücklicher Schmetterling, der auf und nieder flatterte, wie er wollte, und nichts davon ahnte, Zhuangzi zu sein. Plötzlich wachte er, schläfrig noch, als Zhuangzi wieder auf. Und er konnte nicht sagen, ob es Zhuangzi war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder der Schmetterling, der träumte, er sei Zhuangzi. Doch muss zwischen beiden ein Unterschied sein! Das nennt man den “Wandel der Dinge”.[1]

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10 Dez

Mit Auto-Autos gegen die Klimakrise?

Warum bei der Regulierung autonomer Fahrzeuge Nachhaltigkeitsüberlegungen eine Rolle spielen sollten

Von Lando Kirchmair und Sebastian Krempelmeier (München)


Autonome Autos (salopp manchmal „Auto-Autos“) sind Kraftfahrzeuge, welche „die Fahraufgabe ohne eine fahrzeugführende Person selbständig“ (§ 1d Abs. 1 Z. 1 StVG) erfüllen können. Sie werden oft als die Verkehrstechnologie der Zukunft angesehen und gelten auch als Schlüsseltechnologie in der „Verkehrswende“, also im Umbau der Mobilitätssysteme zu einem nachhaltigen Umgang mit der Umwelt. Die Verselbständigung der Steuerungstechnik macht den Autoverkehr allerdings nicht zwangsläufig ökologischer. Ob autonome Fahrzeuge zu nachhaltigerer Mobilität und damit zum Klimaschutz beitragen, ist vor allem von entsprechender rechtlicher Steuerung abhängig. Das am 27. Juli 2021 während der „Sommerpause“ (und der Europameisterschaft) in Kraft getretene Gesetz zum autonomen Fahren enthält keine Absicherungen, dass die Wende zum autonomen Fahren auch nachhaltig gestaltet wird und zu einer ökologisch verstandenen „Verkehrswende“ führt. Dies gilt auch für den nun angenommenen „Ampel-Koalitionsvertrag“, wenngleich er die „Transformation der Automobilindustrie“ ausruft und Deutschland zum „Innovationsstandort für autonomes Fahren“ machen möchte (S. 27).

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09 Dez

Ein hegelianischer Rawls

Von Hannes Kuch (Frankfurt a.M.)


Rawls wird meist als Kantianer verstanden, doch steht er auch Hegel nahe, viel näher als gemeinhin angenommen wird. Diese Nähe betrifft nicht nur die Interpretation von Rawls, sie hat deutliche Konsequenzen für die Frage nach Alternativen zum Kapitalismus, die Rawls selbst stellt: Anstelle einer Eigentümerdemokratie befürwortet der hegelianische Rawls viel stärker einen liberalen Sozialismus.

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02 Dez

Warum Ernährung politisch ist. Ethik, Politik und Ernährungskultur

Von Franz-Theo Gottwald (Berlin)


„Essen ist politisch!“ – Diese Aussage des Slow Food-Gründers Carlo Petrini bringt auf den Punkt, dass es trotz aller wirtschaftlich-technologischen Bemühungen und Produktivitätssteigerungen auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen der Welt seit dem 2. Weltkrieg noch nicht gelungen ist, Hunger zu beenden. Im Gegenteil: Hunger nimmt wieder zu. Deshalb müssen die Machtverhältnisse, die mit der Ernährungssicherung einhergehen, verstärkt reflektiert werden. Und dies ist nicht zuletzt eine ethische Frage.

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30 Nov

Warum ein demokratischer Rechtsstaat Armut nicht tolerieren darf

Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf einen ausführlichen Beitrag im neuen Handbuch Philosophie und Armut, welches im April 2021 bei J.B. Metzler erschienen ist.


von Eva Maria Maier (Wien)


Einleitung: Armut und Pandemie

Gerade die aktuelle Krise illustriert eindringlich, dass wachsende Armut und Arbeitslosigkeit nicht nur ökonomische Wachstumsraten gefährden, sondern selbst die demokratische Kultur etablierter Rechtsstaaten vor gravierende Herausforderungen stellen. Vor allem rückt die Pandemie-Ausnahmesituation neue Armutsfallen und neue Formen der sozialen Exklusion in den Fokus staatlicher Verantwortung. Generell müssen Armutsbekämpfung und soziale Sicherheit als genuine Aufgaben demokratischer Rechtsstaatlichkeit begriffen werden. Insbesondere sind Armut und Ausgrenzung mit dem fundamentalen Prinzip der Menschenwürde unvereinbar.

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