02 Apr

Die Ethik der Quarantäne

Von Oliver Krüger (Hamburg)

Die Quarantäne scheint in Zeiten von COVID-19 eine selbsterklärende Maßnahme geworden zu sein. Nicht nur einzelne Personen, sondern die Personengruppen ganzer Regionen und Länder werden unter Quarantäne gestellt. Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit und Dringlichkeit der Quarantänemaßnahmen wird gerne deren ethische Reflexion außer Acht gelassen. Dabei lohnt es sich aus verschiedenen Gründen, sich mit der der Ethik der Quarantäne zu befassen.

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01 Apr

Seuchen, Ängste und die Ordnung der Gesellschaft – Was die Corona-Pandemie mit Zombies und Vampiren zu tun hat

Von Andrea Klonschinski (Kiel)

1. Einleitung

Durch die ersten Berichte über die Corona-Epidemie in Wuhan sowie die zunächst nur drohende, dann aber schnell tatsächlich stattfindende globale Ausbreitung des Virus („Das Virus ist jetzt in Europa!“ – „Erster Infizierter in Italien!“ – „Erster Fall in Deutschland!“), fühlte ich mich anfangs schmunzelnd, dann zunehmend beunruhigt an jüngere Horrorfilme, wie 28 Days Later (Danny Boyle, 2002) und I am Legend (Francis Laurence, 2007) oder die Serie The Walking Dead (AMC, seit 2010) erinnert. Bilder von menschenleeren Straßen oder Plätzen, auf denen sich sonst dicht gedrängt Einheimische und Touristen tummeln, haben diese Assoziation und das Gefühl, sich einer unheimlichen und surrealen Lage zu befinden, noch verstärkt. Genau wie in unserer aktuellen Situation ist auch in den genannten Filmen eine Virus-Pandemie Schuld an solchen Bildern und Berichten – anders als bei uns hat dieses Virus dabei bereits den Großteil der Menschheit dahingerafft und in blutrünstige Zombies verwandelt. Diese gedankliche Verbindung von Corona-Pandemie und Zombie-Apokalypse mag auf den ersten Blick makaber und unangemessen wirken. Ich meine aber, dass eine Weiterverfolgung dieser Assoziation uns helfen kann, die aktuelle Situation und unsere damit verbundenen Ängste reflektieren und damit die Bedrohlichkeit der Corona-Pandemie für uns als Individuen, aber auch als Gesellschaft besser einordnen zu können.

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31 Mrz

Epistemische Verletzlichkeit und gemachte Unwissenheit

von Christina Schües (Lübeck)


Verletzlichkeit

Das Gefühl, in die Unwissenheit verbannt zu werden und seinen Sinnen nicht mehr trauen zu können, macht Menschen verletzlich. Verletzlichkeit ist ein Begriff, der sich auf das Leben, den Körper, die Sprache, Gefühle, aber auch die Wissensordnung bezieht. Die Verletzung gehört in den Bereich einer negativen Sozialphilosophie, die davon ausgeht, was normativ nicht sein soll. Verletzlichkeit bedeutet, dass jemand noch nicht verletzt ist, dass aber durchaus eine Empfindlichkeit, eine Sensibilität, eine Beziehungskomponente, ein Verhältnis existieren, welche Verletzungen – die nicht sein sollen – möglich machen. Der Begriff der Verletzlichkeit richtet sich auf die existentielle körperliche, sprachliche, soziale oder rechtliche Unsicherheit oder Zerbrechlichkeit der einzelnen Person und deren Beziehungen. Menschen sind anderen ausgesetzt und mehr oder weniger verletzlich entsprechend innerer und äußerer Faktoren. Diese Faktoren richten sich nicht nur auf Bedingungen der körperlichen Konstitution oder der Umwelt, sie beziehen sich auch auf die Wissens- und Rechtsordnung einer Gesellschaft, nämlich dann, wenn gefragt wird, wer gehört wird und wer überhaupt ein Unrecht als Unrecht im politisch-ethischen Sinn formulieren kann.

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29 Mrz

Moralisches Urteilen in Zeiten von Ausgangssperre und Quarantäne. Gedanken aus der Isolation im Anschluss an Lawrence Kohlberg

Von Tobias Lensch (Eichstätt)

Drei der einflussreichsten und am meisten debattierten Strömungen in der Moralphilosophie sind der Konsequentialismus, der Kontraktualismus und die Deontologie. Sie geben jeweils unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie ich handeln sollte im Lichte ethischer Betrachtung. Diese Strömungen hat Lawrence Kohlberg in seiner sehr berühmten Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens eingearbeitet. Die Auseinandersetzung mit Kohlbergs Psychologie der Moralentwicklung[1] ist auch heute noch überwiegend fester Bestandteil in der universitären Lehre der pädagogischen Psychologie. Bei all der berechtigten Kritik[2], die Kohlbergs Stufenmodell – das ich gleich skizzieren werde – im Laufe der Zeit erfahren musste, ist es dennoch erstaunlich, dass eine Anwendung der verschiedenen Stufen in seinem Modell auf eine gesellschaftliche Krise (und das ist die Corona Pandemie neben einer medizinischen oder wirtschaftlichen auch) dabei helfen kann zu verstehen, wieso sich manche Personen oder Personengruppen in dieser Krise anders verhalten und durch ihr Verhalten Empörung, Wut oder Unverständnis von anderen Personen hervorrufen. Kompakt dargestellt nimmt Kohlberg drei aufeinander folgende Niveaus des moralischen Urteilsvermögens an: Am Anfang steht das präkonventionelle, dann das konventionelle, und am Ende das postkonventionelle Niveau. Innerhalb dieser einzelnen Niveaus gibt es jeweils zwei Stufen des moralischen Urteils.

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26 Mrz

Corona-Triage, Risikogruppen und Altersdiskriminierung

Von Tobias Kasmann (Leipzig)


Die Coronakrise verunsichert uns alle. Eine sehr beunruhigende Ratlosigkeit ergibt sich aus der Frage, was wir tun sollen, wenn es bei uns zu einer ähnlichen Überlastung des Gesundheitssystems kommt wie in Norditalien. Dann werden auch wir entscheiden müssen, wer behandelt wird oder nicht mehr behandelt werden soll. Die Frage, die im Raum steht, ist, ob es eine akzeptable Weise gibt, über Leben und Tod zu entscheiden. Christiane Woopen, die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats, ist nicht die Einzige, die erwägt, das aus der Katastrophenmedizin bekannte Konzept der Triage auf die durch eine galoppierende Corona-Epidemie erzeugte Knappheit zu übertragen. Die Idee dabei scheint zu sein, dass wir mit der Triage bereits eine allgemein akzeptierte Praxis für den Umgang mit existenzieller Knappheit in Ausnahmesituationen haben. Dieses Verfahren müssten wir jetzt nur intensivmedizinisch anpassen, um so eine konsensfähige Richtlinie für die Rationierung in der Corona-Ausnahmesituation zur Verfügung zu haben.

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24 Mrz

G. W. F. Hegel

von Christoph Jamme (Lüneburg)


Was feiern wir, wenn wir 250 Jahre Hegel feiern? Feiern wir mit Klaus Vieweg den „Philosophen der Freiheit“? Feiern wir in Hegel den letzten Systematiker, denn das Denken der Freiheit mündet bei ihm in die systematische Ausarbeitung einer Philosophie, die als Idealismus bekannt geworden ist? Oder feiern wir mit Hegel den großen Geschichtsphilosophen, dessen Wirkungen bis hin zu Francis Fukuyamas berühmtem Buch Das Ende der Geschichte reichen? Oder ist Hegel deshalb aktuell, weil er zu Beginn des 19. Jahrhunderts (hier übrigens zusammen mit Goethe) einer der wenigen ist, der jeder Sehnsucht nach Rückkehr in vormoderne Zeiten eine deutliche Absage erteilt hat? Oder ist Hegel einfach nur ein großer Schriftsteller, dessen Hauptwerk Phänomenologie des Geistes als „Geschichte der Bildung des Bewusstseins“ sich auch als Bildungsroman lesen lässt? Oder müssen wir Hegel einfach lieben wegen einiger genialer Sätze wie z.B. dem über die Liebe: „Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserem Wesen; wir sehen nur uns in ihm – und dann ist er doch wieder nicht wir – ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen.“ Noch schöner und eindrucksvoller kurze Bemerkungen wie: „Jedes lieblose ist Gewalt“ oder „der Weg des Geistes ist der Umweg“. Von bleibender Gültigkeit auch seine Bestimmung der Moderne als allgemeine Rechtsfähigkeit: „Es gehört der Bildung, dem Denken als Bewusstsein des Einzelnen in Form der Allgemeinheit, dass Ich als allgemeine Person aufgefasst werde, worin Alle identisch sind. Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener usf. ist. Dies Bewusstsein, dem der Gedanke gilt, ist von unendlicher Wichtigkeit, – nur dann mangelhaft, wenn es etwas als Kosmopolitismus sich dazu fixiert, dem konkreten Staatsleben gegenüberzustehen.“ (Rechtsphilosophie §209). Die aktuelle Gleichsetzung von Kosmopolitismus und Globalisierung müsste von hier aus in Frage gestellt werden.

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22 Mrz

Risikogruppenstatusleugnung und Normalgruppenstatusbekräftigung während der COVID-19-Pandemie

Von Tim Kraft (Regensburg)

Beginnen möchte ich mit der Schilderung dreier Gespräche aus meinem persönlichen Nahfeld. Da sich so schnell so viel während eines laufenden Pandemiegeschehens ändert, sei angemerkt, dass sie in Bayern am Tag der Verkündung des Katastrophenfalls stattfanden, also am Dienstag 16. März:

  1. Der Vater der Philosophin Anna ist über 70 Jahre alt. Seit einer Woche versucht sie täglich, ihn am Telefon – selbstverständlich kommt sie nicht persönlich bei ihm vorbei, um ihn nicht unnötig einem Infektionsrisiko auszusetzen – davon zu überzeugen, dass er als Mitglied einer Risikogruppe seine Alltagskontakte mit anderen Menschen deutlich einschränken muss. Ihr Vater wischt das beiseite mit dem Argument, er möge zwar über 70 sein, habe aber noch nie im Leben eine Lungenkrankheit gehabt und habe generell ein starkes Immunsystem. Anna wirft ihm vor, irrational zu sein und die objektiven Tatsachen zu ignorieren.
  2. Der Philosoph Ben ist Diabetiker. Er weiß, dass Diabetikerinnen laut offizieller Listen eine Risikogruppe sind. Wann immer er vor der Frage steht, ob er zum Beispiel noch seltener einkaufen sollte oder ob er nicht beim privaten Umzug am Donnerstag helfen könne – Umzugshelfer seien bei der aktuellen Lage nicht wie geplant über die studentische Jobvermittlung zu bekommen, verschoben werden könne der Umzug wegen der Nachmieter nicht, zu dritt bekomme man das doch über die Bühne, die Situation sei zum Haareraufen – überlegt er sich folgendes: Es mag sein, dass Diabetikerinnen als Gruppe ein höheres Risiko haben, aber er sei doch mit 40 noch ein junger Diabetiker, er habe nach Maßgabe der Laborwerte seinen Blutzucker doch sehr gut im Griff, sei körperlich fit und überhaupt müsse doch zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes unterschieden werden, so dass die pauschale Aussage, Diabetikerinnen seien eine Risikogruppe doch gar keinen Sinn mache. Mit diesen Überlegungen wischt er alle Einwände, die Anna gegen seine Handlungsentscheidungen erhebt, beiseite. Eine vernünftige Risikoabschätzung erfordere Differenzierungen und seine eigene Risikoeinschätzung sei sehr wohl nachvollziehbar.
  3. Die Philosophiedoktorandin Carla ist jung, gesund, sportlich und begegnet in Freundeskreis und ihrer WG keinen Menschen, die über 60 sind oder einer bekannten Risikogruppe angehören. Ihre Großeltern und Eltern wohnen in einem weit entfernten Ort und sie kann ohne weiteres den physischen Kontakt mit ihnen für die nächsten Wochen aussetzen. Sie kauft wie sonst auch fast täglich ein, geht anschließend in ein Café und genießt den Frühlingsbeginn. Mit der Überlegung, sie sei in keiner Risikogruppe und würde im Fall einer Infektion auch niemanden in ihrem sozialen Umfeld gefährden, antwortet sie auf Annas Verwunderung über ihr sorgloses Verhalten.
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20 Mrz

Der Corona-Staat oder: Politische Autorität in Zeiten der Pandemie

Von Andreas Wolkenstein und Johannes Kögel (München)

Man kommt nicht umhin angesichts der gegenwärtigen Pandemie und der zu ihrer Bekämpfung ins Leben gerufenen Maßnahmen Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ (1993) aus dem Bücherregal hervorzuziehen. Foucault beschreibt die von der Pest bedrohte Stadt des 17. Jahrhunderts: Es herrscht striktes Ausgangsverbot, die Stadtgrenzen wurden dicht gemacht, die gesamte Stadt steht unter Quarantäne. Unvermeidbare Freigänge werden so koordiniert, dass man sich dabei nicht begegnet. Der Stadtraum wird in Zellen unterteilt, deren Straßen und Plätze von offiziellen Wächtern patrouilliert und überwacht werden. Namen und Adressen der Bewohner werden erfasst, Fälle (Infektions- und Todesfälle) werden protokolliert und systematisiert.

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19 Mrz

Corona-Triage

Ein Kommentar zu den anlässlich der Corona-Krise publizierten Triage-Empfehlungen der italienischen SIAARTI-Mediziner

Von Weyma Lübbe (Regensburg)

[Dieser Text ist zuerst erschienen in: VerfBlog, 2020/3/15, https://verfassungsblog.de/corona-triage/]

Triage – das ist die Sortierung von Patienten in Gruppen vor- und nachrangig zu Behandelnder bei einem die verfügbaren Ressourcen weit übersteigenden Massenanfall von Bedürftigen. Das ist schon immer ein heikler und belastender Vorgang gewesen. Die italienische Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimations- und Intensivmedizin (SIAARTI) hat den Intensivmedizinern, die derzeit nicht mehr allen bedürftigen Covid-19-Patienten Beatmungsgeräte bereitstellen können, dazu kürzlich Empfehlungen an die Hand gegeben. Man wolle auf diesem Wege die Praktiker davon entlasten, die Auswahlentscheidungen persönlich verantworten zu müssen, und man wolle die Kriterien explizit und kommunikabel machen. Auch den daran interessierten Betroffenen und ihren Familien müssten sie zugänglich gemacht werden, um das Vertrauen in das öffentliche Gesundheitswesen aufrecht zu erhalten.

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