02 Aug

Symphilosophie und Provokation. Zu Friedrich Schlegels 250. Geburtstag

Von Johannes Korngiebel (Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar)


Friedrich Schlegel, dessen Geburtstag sich am 10. März 2022 zum 250. Mal jährt, war ein Denker der Moderne. Weitsichtig hat er deren Probleme, aber auch Potentiale erkannt. Sein Gesamtwerk lässt sich als Auseinandersetzung mit der um 1800 erstmals umfassend spürbaren Moderneerfahrung interpretieren. Dabei geht es Schlegel nicht nur um eine Analyse des Phänomens. Er entwickelt auch Lösungsansätze, um mit den Herausforderungen der Moderne produktiv umzugehen.

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26 Jul

Das Auge singt mit – Für eine Genealogie der Popkultur

Von Volkmar Mühleis (Brüssel)


K-Pop, das ist in vielerlei Hinsicht eine perfektionistische Überspitzung seit den sechziger Jahren bekannter Schemata im Popbereich: Das Phänomen der Girl- und Boygroups seit Hitfabriken wie Motown, das Spiel mit Genderrollen seit den Beatles, wenn sie mit Pilzkopf und auf Beatle-Boots mit zumindest höheren Absätzen als üblich für Männer aufgetreten sind. Modisch reicht dieses Spiel zurück bis Coco Chanel, als die junge Dame mit Bubikopf und im stracken Kostüm erschien. Pop ist immer auch eine Fortsetzungsgeschichte bereits gestrickter Muster, Abweichung und Variation prämieren hier vor Autonomie und Innovation. Rabea Krollmann veröffentlichte im vergangenen Jahr einen markanten Seitenblick auf eine dieser perfektionistischen Überspitzungen im K-Pop, das Cross-Dressing.

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12 Jul

Der Supreme Court und das liberale Loblied auf die höchste Instanz

Von Johannes Müller-Salo (Hannover)


In ihrer Sorge um den effektiven Schutz individueller Grundrechte verteidigen viele Liberale die Idee eines mit umfassenden Kompetenzen ausgestatteten Verfassungsgerichtshofs. Nicht selten werden höchste Gerichte zu Wächtern der Verfassung stilisiert. Die jüngsten Urteile des Supreme Courts zum Schwangerschaftsabbruch, zum Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit wie zu den Klimaschutzbefugnissen der US-Umweltbehörde geben allen Grund dazu, dieses wichtige Element liberaler Theoriebildung auf den Prüfstand zu stellen.

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05 Jul

Wie kompatibel sind Postwachstum und Sozialstaat?

Von Milena Büchs (Leeds)


Aus ökologischer Sicht ist die Kritik am Wachstum heute gut begründet. Doch oft werden Bedenken geäußert, dass soziale Ziele wie hohe Beschäftigung, Armutsbekämpfung und Umverteilung ohne Wachstum nicht zu haben sind: Sozialstaaten im globalen Norden sind vom Wachstum abhängig, so heißt es. In diesem Beitrag werde ich das Verhältnis von Wachstum und Sozialstaat kritisch diskutieren und Vorschläge für ökologisch kompatible Formen des Sozialstaats machen. Aus Platzgründen beschränke ich die Diskussion auf die Situation im globalen Norden, auch wenn es ebenso wichtig ist, die sozialen Konsequenzen von Postwachstum im globalen Süden zu beleuchten.

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30 Jun

Zur double bind-Paradoxie der repräsentativen Demokratie

Von Martin Welsch (Heidelberg)


In der Publizistik ist es ein Gemeinplatz, dass sich die repräsentative Demokratie in einer Krise befindet, Politikverdrossenheit und Massenproteste werden als Zeichen dafür gewertet. Die politik- und sozialwissenschaftliche Theorie dieser Krisendiagnose ist die der „Postdemokratie“: Das Repräsentativsystem habe früher seinen demokratischen Zweck erfüllt, doch diese Zeit sei vergangen. Derzeit gleiche sich das System wieder dem vordemokratischen Zustand an, sodass die Demokratie zur leeren Hülse werde. Für Vertreter der Postdemokratiethese liegt dies jedoch nicht am Repräsentativsystem selbst; seine Degeneration sei äußerlich bedingt, nach Ansicht von Colin Crouch durch Wirtschaftsmacht.

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28 Jun

Lakatos’ Synthese von Popper und Kuhn

Von Gerhard Schurz (Düsseldorf)


Als ich die Arbeit von Imre Lakatos “Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme” (1974) als Student das erste Mal las, war ich beeindruckt. Lakatos schaffte es darin nämlich, zwei wissenschaftstheoretische Perspektiven zu verbinden, die mir bis dahin als unversöhnlich erschienen waren: die von Karl Poppers “Logik der Forschung” (1935) und die von Thomas Kuhns “Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” (1967). Karl Popper vertritt in seiner Wissenschaftstheorie ein rigides Konzept von Theorienfalsifikation. Sobald sich auch nur ein Gegenbeispiel zu einer wissenschaftlichen Theorie findet, gilt diese Theorie als falsifiziert, also durch die Erfahrung widerlegt. Dies liegt daran, dass Popper zufolge alle Theorien die Form von strikten Allhypothesen haben, beispielsweise “Für all x gilt: wenn x ein Metall x, dann leitet x Strom”. Solche Allhypothesen können aus streng logischen Gründen, durch ein einziges Gegenbeispiel (ein Stück Metall, das nicht den Strom leitet) widerlegt werden. Dagegen können sie durch keine endliche Menge von positiven Beispielen verifiziert bzw. bewahrheitet werden; Popper nannte dies die “Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation”.

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23 Jun

Prafeaktisch sucht Verstärkung!

Wir betreiben den Philosophieblog praefaktisch nun seit über 4 Jahren und er hat sich zu einem wichtigen Medium in der deutschsprachigen Philosophie entwickelt. Nun suchen wir Verstärkung für unser Team. Falls Du Interesse hast den Blog gemeinsam mit uns zu betreiben und weiterzuentwickeln, dann melde Dich bitte bis 15. Juli 2022 bei uns unter blog@praefaktisch.de. Wir freuen uns über Deine Kontaktaufnahme mit kurzen Hinweisen zu Deiner Person (wer Du bist und was Du machst) und warum Du gerne bei uns mitmachen willst. Falls Du bereits Ideen hast, wie wir den Blog weiterentwickeln und verbessern könnten, dann schreib uns das bitte auch gleich.

Praefaktisch ist ein privates Blogprojekt ohne Sponsoren oder sonstige Einnahmen, daher ist mit dieser Tätigkeit auch keinerlei Entlohnung verbunden.

21 Jun

Neutral gegenüber rassistischen und rechtsextremen Positionen? Internationale Diskussionen um ‚Kontroversität‘ und ‚Positionalität‘ von (religiöser) Bildung

Von Jan-Hendrik Herbst (TU Dortmund)


Am 10. Januar titelt die Washington Post (WP): „Ein republikanischer Senator vertritt die Auffassung, dass Lehrkräfte im Unterricht über Nationalsozialismus und Faschismus ‚unparteiisch sein‘ sollen.“ Diese Position vertrat Scott Baldwin, um den es im Artikel geht, im Kontext eines Gesetzesentwurfs in Indiana (‚Bill 167‘), der es Eltern erlauben sollte, sich aktiv gegen „spaltende Ideologien“ im Klassenzimmer einzusetzen. Auch wenn Baldwin die Aussage nach heftiger Kritik etwas relativierte, steht sie doch exemplarisch für eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der eine wertebezogene Dimension von pädagogischer Praxis geleugnet bzw. eine bestimmte Form (‚pro-demokratisch‘; ‚pro-liberal‘ o.ä.) angegriffen wird. Bereits im Artikel der WP wird ein anderes Beispiel angeführt: Vor weniger als drei Monaten musste sich ein Schulverwalter in Nordtexas dafür entschuldigen, dass er Pädagog:innen dazu angewiesen hatte, Lesematerial mit „gegensätzlichen“ Ansichten zum Holocaust bereitzustellen. Der Kontext dieser Anweisung war ein neues Gesetz, welches Lehrkräfte zu einer multiperspektivischen Didaktik bei „gegenwärtig kontroversen“ Themen verpflichtete.

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14 Jun

Sustainable Development Goals und Postwachstum: Kritik der politischen Rhetorik

Von Christoph Henning (Erfurt)


Um der ökologischen Krise zu begegnen, ohne politisch unbeliebte Entscheidungen zu treffen, hat sich weltweit eine Zauber-Rhetorik verbreitet: Wir können alles ändern und zugleichweitermachen wie bisher. Diese global veröffentlichte Meinung manifestiert sich nicht nur in Parteiprogrammen, sondern auch in den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der UNO von 2015. Bei näherem Hinsehen lassen sie sich allerdings nur dann umsetzen, wenn sie mit einer Strategie der Reduzierung wirtschaftlichen Verbrauchs einhergehen, also mit Postwachstum. Das will dieser Blog zeigen.

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