22 Sep

Anerkennung und Armut

Von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Anerkennung hat sich in den letzten Jahren als ein zentrales Konzept in der politischen Philosophie und Sozialphilosophie etabliert. Ausgehend von seiner Verwendung bei Fichte und Hegel und insbesondere durch seine Aktualisierung im Werk von Axel Honneth, aber auch bei Denkerinnen wie Nancy Fraser oder Charles Taylor, wird Anerkennung zur Analyse und Kritik sozialer Verhältnisse herangezogen. Armut kann als Missachtung und Nichtanerkennung kritisiert werden.

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17 Sep

Über die vermeintliche Heuchelei von Klimaschutzaktivist*innen und individuelle Pflichten zum Klimaschutz

Von Christian Baatz (Kiel)


Vor Ausbruch der Corona-Krise war Klimaschutz in aller Munde, die Jugend forderte Regierungen lautstark zum entschiedenen Handeln auf. Aber muss auch jede/r Einzelne ihren oder seinen Beitrag zum Klimawandel reduzieren? Greta Thunberg, Initiatorin der Fridays for Future (FFF) Bewegung, versucht mit der gleichen Unnachgiebigkeit, mit der sie vor dem schwedischen Parlament Mahnwache gehalten und vor Staats- und Unternehmensführungen Reden gehalten hat, ihren persönlichen Treibhausgas(THG)-Ausstoß zu minimieren – zumindest wird das suggeriert, wenn man sie auf Segelbooten den Atlantik und in Zügen Europa durchqueren sieht. Interessanterweise scheinen sich Thunberg und ihre schärfsten Kritiker*innen in diesem Punkt einig: wer Wasser predigt, sollte keinen Wein trinken; wer für radikale THG-Reduktionen plädiert, sollte einen THG-armen Lebenswandel führen.

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15 Sep

Diskriminierung durch maschinelles Lernen

Von Heiner Koch (Duisburg-Essen)


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt “Diskriminierung” in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


Maschinelles Lernen – oft auch als Künstliche Intelligenz verhandelt – birgt die Gefahr von neuen Formen der Diskriminierungen, die darüber hinaus auch noch schwer erkennbar sein können. Der Einsatz maschinellen Lernens in sensiblen Bereichen muss daher so erfolgen, dass Diskriminierungen erkennbar sind – oder es muss auf den Einsatz verzichtet werden.

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10 Sep

Ich sehe was, was du nicht siehst

von Svenja Springer (Vet-Med Uni Wien)


In den letzten Jahrzehnten erfreut sich die empirische Ethik einer steigenden Popularität. Doch die Frage was Methoden der empirischen Sozialwissenschaften in der angewandten Ethik leisten können, bleibt dennoch kontrovers diskutiert. In dem folgenden Podcast werden Potenziale und Grenzen der Einbindung gewonnener Daten und Fakten in ethische Urteilsfindung am Beispiel der veterinärmedizinischen Ethik beleuchtet.


Svenja Springer ist PhD-Studentin an der Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung des Messerli Forschungsinstituts und der Universität Kopenhagen. Sie hat Tiermedizin studiert und forscht im Bereich der empirisch informierten veterinärmedizinischen Ethik.

08 Sep

Pfingsten – oder wie das Christentum seinen religiösen Wahrheitsanspruch und die Toleranz Anderen gegenüber miteinander verbindet.

Von Martin Wendte (Pfarrer der Friedenskirche und Citykirchenpfarrer, Ludwigsburg)


Einstieg: Buddhistische Bäuche und saudi-arabische Gefängnisse – wie erleben wir die Zuordnung von Toleranz und Wahrheit im Bereich der Religion?

Zwei Szenen zum Einstieg: Von den Bücherregalen vieler Menschenfreunde aus dem sozialökologischen Milieu grüßt eine Buddhafigur. Da sitzt er, der Erleuchtete, mit gütigem Lächeln, meist mit sympathischem Bauchansatz, oft in Bronze oder Plastik gegossen. Er strahlt auch mit seinen nur 30 Zentimetern Größe in den ganzen Raum hinaus aus, dass Du schon Deinen eigenen Weg finden wirst, und dass es gut ist, solange das im Bereich positiver Vibrations liegt. Da macht es dann keinen Unterschied, ob Du die Kraft von diesem wahren Selbst in Dir dann Gott oder Allah nennst, Buddha oder Shiwa.  – Doch vielleicht flackert in demselben Zimmer auch das Hellblau eines Laptops, auf dem neueste Nachrichten aus Saudi-Arabien vermeldet werden: Dort wurde ein Mann am Flughafen gefasst und ins Gefängnis geworfen, weil er Saudi-Arabien illegal verlassen wollte – er konvertierte zum Christentum und ist daher in Saudi-Arabien vom Tode bedroht, weil das Christentum eine unwahre Religion ist, und ihr zu folgen ist nicht tolerabel.

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03 Sep

Betrachtungen zum gelingenden Altern: Salutogenetische Perspektiven

von Ulrich Wiesmann (Universitätsmedizin Greifswald)


Einleitung

Nach Variante 4 der 14. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung befinden wir uns schon seit geraumer Zeit auf dem Weg in eine „alternde“ Gesellschaft. Dieser Trend wird in den nächsten vierzig Jahren seine Fortsetzung finden. Waren im Jahr 2018 13% der deutschen Bevölkerung zwischen 67 und 79 Jahre alt, werden dies im Jahr 2060 17% sein. Der Anteil der über 80-jährigen wird sich verdoppeln: von 6% auf 13%. Demgegenüber wird der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (zwischen 20 und 66 Jahre) von 62% auf 53% sinken, wobei der Anteil der Altersgruppe unter 20 Jahren ungefähr gleich bleiben wird (18% und 16%).

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01 Sep

Das Überlegungsgleichgewicht – Was genau ist das?

Von Georg Brun (Bern)


Eine Ethikerin vertritt das Prinzip Die Interessen aller Personen zählen gleich. Aber sie glaubt auch, es sei erlaubt, die eigenen Kinder bevorzugt zu behandeln. Das ist ein Problem: ihre Überlegungen sind nicht im Gleichgewicht, weil das Prinzip und ihr intuitives Urteil über Einzelfälle nicht übereinstimmen. Begründete Positionen verlangen aber ein Überlegungsgleichgewicht – so eine populäre Auffassung in der Ethik. Doch wie soll die Idee des Gleichgewichts genau verstanden werden? Das will dieser Beitrag erklären.

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27 Aug

Was ist eigentlich der Begriff? Ein Plädoyer anlässlich des Hegel-Jahres 2020

Von Ermylos Plevrakis (Heidelberg)


Im letzten Kapitel der Wissenschaft der Logik – das ist das Werk, von welchem Hegel gemeint hat, dass sein „Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist[1] – ist unter anderem folgender Satz zu lesen:

„Die Methode ist daraus [d.h. aus dem ganzen Verlauf der Wissenschaft der Logik] als der sich selbst wissende, sich als das Absolute […] zum Gegenstande habende Begriff […] hervorgegangen.“[2]

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25 Aug

„Disabled lives matter“ – Diskriminierung behinderter Menschen durch Pränataltestung?

Von Regina Schidel (Frankfurt am Main)


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt “Diskriminierung” in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist. 


„[W]ir wollen nicht mehr abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben.“ (Dedreux 2019) Vor einem guten halben Jahr wurde durch den Gemeinsamen Bundesausschuss – dem höchsten politischen Entscheidungsgremium der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland – beschlossen, dass ein einfacher vorgeburtlicher Bluttest auf Trisomien und damit auf das Down-Syndrom im Fall von Risikoschwangerschaften Bestandteil der Versorgung der gesetzlichen Gesundheitsfürsorge werden soll. Die genaue Regelung steht für Ende 2020 aus. Menschen mit Behinderung fühlen sich durch eine mögliche Standardisierung pränataler Testung auf das Down-Syndrom angegriffen und marginalisiert, so bringt das Zitat der Aktivistin Natalie Dedreux, die das Down-Syndrom hat, zum Ausdruck. Inwiefern kann die These einer Diskriminierung durch Pränataltestung auch philosophisch erhärtet werden?

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20 Aug

Zur Aktualität Hegels: Hegel als Denker des Anthropozäns

von Stascha Rohmer (Medellín)


Im Zentrum eines jüdischen Witzes, der Schopenhauer und Beckett gleichermaßen faszinierte, steht das problematische Verhältnis der Welt zu einer Hose. Ein Mann geht zum Schneider und beschwert sich: „Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und Sie brauchen sechs Monate, um eine Hose zu machen.” Darauf antwortet der Schneider: “Aber, mein Herr, sehen Sie sich doch die Welt an, und sehen Sie da Ihre Hose!” Es dürfte kein Zufall sein, dass gerade der Hegel-Antipode und Welt-Verachter Schopenhauer einen tiefen Gefallen an diesem Witz fand. Denn die Diskrepanz zwischen der defekten Welt und der Perfektion der Hose offenbart den Riss im Herzen der Welt, den Hegel mit seinem Denken immer überwinden wollte.

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