23 Mai

Bildung zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit

von Sabrina Schröder und Charlotte Spellenberg (Halle-Wittenberg)


Studierende der Erziehungswissenschaften können in Einführungsveranstaltungen das Pech haben, mit einer marktlogisch geführten Uni konfrontiert zu sein, die auf Problemlösung statt auf Problematisierung setzt und ihnen hinsichtlich der eigenen Wissens- und Kompetenzbildung das Blaue vom Himmel verspricht. Wenn ‚Bildung‘ so als „Marschgepäck“ (Schwanitz 1999, 8) verkauft wird, wird sich in den Vorlesungen, Seminaren und Diskussionen dann auch die Frage nach deren ‚Mehrwert‘ einstellen. Demgegenüber klingt ein Satz wie: „Das Schlimmste, was Ihnen im Studium passieren kann ist, dass Sie dieselbe bleiben“ fast schon wie eine Drohung. Das Bedrohliche bezieht sich dann nicht auf die Frage, inwiefern man in der Lage ist, ein ‚zur Verfügung stehendes Wissen‘ für sich selbst effektiv ‚verwertbar‘ zu machen, sondern auf die Möglichkeit, das Unvorhersehbare auszuhalten. Die Forderung ‚nicht dieselbe zu bleiben‘ ließe sich so übersetzen in einen unmöglichen Anspruch, der mit der Potenzialität der Bildung zu tun hat: Es geht darum, offen zu sein für etwas, von dem man nicht weiß, ob es sich ereignet.

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22 Mai

Ach, das Kopftuch… Gegen staatliche Enthüllungsverordnungen

von Johannes Drerup (Freie Universität Amsterdam & Koblenz-Landau)


Einleitung

Die öffentlichen Schulsysteme liberaler Demokratien sind kontinuierlich Austragungsorte von Toleranzdebatten und -konflikten, in denen es stets auch um die legitime Rolle und Funktion von Religion, d.h. religiöser Praktiken, Überzeugungen und Symbole im Rahmen eines weltanschaulich neutralen Staates geht. Ausgangspunkt und Gegenstand dieser Kontroversen ist die Frage, wie in einer pluralistischen Gesellschaft mit divergierenden Wertvorstellungen umgegangen werden sollte, die in vielen Fällen zu Wertkonflikten Anlass geben können, wenn es um die Festlegung, Abstimmung und Durchsetzung von Aufgaben, Rechten und Pflichten des liberalen Staats, von Eltern und Religionsgemeinschaften und von Kindern geht. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand in den letzten Jahren immer wieder das Kopftuch, eine Kontroverse, die derzeit nicht zuletzt durch die Verbote des Kopftuchtragens für Kinder (in Kindergärten und Grundschulen) in Österreich und entsprechende politische Vorschläge in Deutschland an politischer Brisanz gewonnen hat.[1] Gegner des Tragens von Kopftüchern in Kindergärten und öffentlichen Schulen berufen sich in Teilen auf eine spezifische Auslegung des staatlichen Neutralitätsgebots und gehen z.B. davon aus, dass das Kopftuch mit der freien und selbstbewussten Entwicklung von Kindern nicht vereinbar und Ausdruck religiösen Zwangs sei. Befürworter dagegen interpretieren das Verbot als Ausdruck antireligiöser und dezidiert antimuslimischer Symbolpolitik, die auf die Einschränkung grundlegender Rechte (u.a. Religionsfreiheit) von Eltern und Kindern hinauslaufen. Im Folgenden sollen unterschiedliche Positionen in der öffentlichen Kontroverse über ein Kopftuchverbot in Kindergärten und öffentliche Schulen rekonstruiert und diskutiert werden. Eine entsprechende staatliche `Enthüllungsverordnung´, so meine Argumentation, ist mit einer angemessenen Interpretation grundlegender Prinzipien liberaler Politik und Erziehung nicht zu vereinbaren.

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21 Mai

Geschichte der Philosophie versus systematisches Philosophieren – Acht Thesen am Beispiel Hegels

Von Thomas Meyer (Berlin)

Wenn sich eines ganz klar sagen lässt, dann dies: Die Texte der sogenannten Deutschen Idealisten sind gegenwärtigen Leser*innen aus verschiedenen Gründen nur noch schwer zugänglich.[1] Das bringt die Frage mit sich, weshalb man sich heute überhaupt noch mit diesen Texten auseinandersetzen und die mühsame hermeneutische Arbeit, die mit einer solchen Auseinandersetzung einhergeht, auf sich nehmen sollte? Aber selbst wenn man ein Interesse für diese Texte bereits hat, wofür es viele gute Gründe gibt, steht gleich die nächste Frage im Raum, wie man sich am besten mit diesen auseinandersetzt.

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16 Mai

Aktualität und Wahrheit – oder: Von Marx zu Hegel. Eine spekulative Anamnesis , Teil II

von Gregor Schäfer (Basel)


Wir bringen diesen zweiteiligen Beitrag verspätet zum Marx Jubiläum, da er uns auf Grund eines technischen Gebrechens erst jetzt erreicht hat, obwohl er schon vor einem halben Jahr fertig gestellt wurde. Der erste Teil ist hier.


III.

Als «Verwirklichung der Philosophie» bleibt der Marxismus vom Hegelschen Idealismus – unhintergehbar – abhängig. Dies zum einen in begründungstheoretischer Hinsicht: Ein Marxismus, der sich als die neue, für sich selbst stehende Position eines «Materialismus» begründet, muss darin, nimmt er die Begründungsfrage überhaupt ernst, scheitern; er wird zum objektivistischen Dogmatismus, der hinter den Begründungsanspruch des Hegelschen Idealismus zurückfällt und sich dessen nicht bewusst ist, dass auch noch sein eigener Wahrheitsanspruch – unhintergehabr – vom objektiven Idealismus zehrt, den er überwunden zu haben wähnt. Dies zum andern aber auch in subjekt- und, dadurch vermittelt, revolutionstheoretischer Hinsicht: Es ist freilich kein Zufall, dass Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) – wie Agnes Heller einmal feststellt, das einzige philosophische Buch des Marxismus, das je geschrieben wurde – sich auf das Hegelsche (und Fichtesche) Erbe besinnt, um den Marxismus aus dem – als solchen a-politischen – szientistischen (ökonomistischen) Positivismus und historizistischen Schema zu befreien, zu denen ihn die II. Internationale nivellierte.[i]

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14 Mai

KI und Ethik: Widersprüche und Fehler einer wichtigen Debatte

von Karsten Weber (Regensburg)

Moralische Maschinen: Falsche Fragen, falsche Antworten

Seit geraumer Zeit tauchen auf den Wissenschaftsseiten und/oder in den Feuilletons von Tages- und Wochenzeitungen immer Texte auf, die sich mit den moralischen Eigenschaften intelligenter Maschinen beschäftigen (eine ohne Zweifel willkürliche, in jedem Fall aber unvollständige Auswahl: Singularity: Erst Mensch gegen Mensch, dann Mensch gegen Maschine, Werden wir für sie wie Katzen sein?, Beherrscht uns künftig künstliche Intelligenz?, Alle Roboter sind von Geburt an gleich). Mal abgesehen davon, dass ähnliche alarmistische Überlegungen vermutlich auch im Zuge der dampfmaschinengetriebenen und später elektrifizierten Industrialisierung in großer Zahl geäußert wurden, ist mit Sicherheit festzustellen, dass es bzgl. der Angst vor der intelligenten Maschine nichts Neues unter der Sonne gibt: Ein Blick in die (populär‑)wissenschaftliche Literatur insbesondere der 1970er Jahre beweist, wie sehr Künstliche Intelligenz schon vor fast 50 Jahren zu beunruhigen wusste – paradigmatisch ist hier sicher Joseph Weizenbaums Buch Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, das unter diesem Titel 1977 in deutscher Sprache erschien; das englische Original war ein Jahr vorher unter dem Titel Computer power and human reason. From judgment to calculation veröffentlicht worden.

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09 Mai

I: Was bedeutet „Sex haben“?

von Peter Wiersbinski (Regensburg)


Es braucht nur wenig philosophische Anstrengung, um eine Ahnung davon zu gewinnen, wie leicht man an der Frage „Was ist Sex?“ verzweifeln kann. Und auch sehr ernsthaftes Nachdenken führt eher noch tiefer in Aporien hinein als zu einer allseits einleuchtenden und einheitlichen Antwort. Das gilt sogar dann, wenn wir von vornherein das (zumindest aus philosophischer Sicht) verwirrende[1] Phänomen der Masturbation außen vor lassen und auch nicht nach dem Wesen sexueller Orientierungen und Identitäten fragen, sondern lediglich wissen wollen, welche Art von Tätigkeit „Sex haben“ beschreibt, wenn von zwei Menschen gesagt wird, sie hätten Sex miteinander. Dass die Versuche, eine Antwort auf diese Frage zu geben, in Aporien, das heißt: in Widersprüche und Ausweglosigkeiten führen, könnte den Verdacht aufkommen lassen, dass Sex selbst etwas Widersprüchliches und eine Ausweglosigkeit ist – wenn auch zuweilen eine schöne Ausweglosigkeit. Wie man zu diesem Verdacht gelangt, darum geht es in diesem Beitrag.

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07 Mai

Wie ist die Frage nach dem Sinn des Lebens zu verstehen?

von Tatjana Visak (Bayreuth)


Man kann sich fragen, warum es überhaupt Leben oder insbesondere menschliches Leben gibt. Was ist der Sinn von (menschlichem) Leben? Man kann sich außerdem die Frage stellen, ob das eigene Leben sinnvoll ist, ob es beispielsweise Sinn hat, das eigene Leben (auf eine bestimmte Weise) weiter zu führen. Letzteres ist die Frage nach dem Sinn des Lebens, oder dem Sinn im Leben, um die es hier gehen soll. In diesem Beitrag möchte ich diese Frage allerdings nicht beantworten. Stattdessen möchte ich einen Vorschlag machen, wie die Frage zu verstehen ist. Wonach fragen wir eigentlich, wenn wir wissen wollen, ob unser Leben sinnvoll ist, oder wenn wir darüber nachdenken, wie wir unserem Leben mehr Sinn verleihen können? Wie ist der Sinnbegriff in diesem Zusammenhang zu verstehen?

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06 Mai

Zur Verantwortung der Intellektuellen. Ein Statement

Von Janina Loh (Wien)

Vor ein paar Monaten wurde ich dazu eingeladen, auf der 4. Love and Sex with Robots Konferenz (LSR) eine Keynote zum Thema “Sexrobotik – Ethische Fragen und feministische Herausforderungen” zu geben. Meine Freude darüber währte allerdings ebenso kurz wie intensiv. Denn als ich das Event vor gut drei Wochen auf meinen social media Kanälen teilte, reagierten Arbeitskolleg*innen mit Skepsis. Mir wurde berichtet, dass einer der beiden Chairs der LSR, nämlich Adrian Cheok, Computerwissenschaftler und Direktor des Imagineering Institute (Malaysia), im vergangenen Jahr zu der von ihm ausgerichteten 15. International Conference on Advances in Computer Entertainment Technology als Keynote Sprecher Steve Bannon eingeladen hat.

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02 Mai

Aktualität und Wahrheit – oder: Von Marx zu Hegel. Eine spekulative Anamnesis , Teil I

von Gregor Schäfer (Basel)

Wir bringen diesen zweiteiligen Beitrag verspätet zum Marx Jubiläum, da er uns auf Grund eines technischen Gebrechens erst jetzt erreicht hat, obwohl er schon vor einem halben Jahr fertig gestellt wurde. Der zweite Teil erscheint in zwei Wochen.


I.

Die Frage nach der Aktualität des Marxismus fokussiert sich in der öffentlichen Diskussion, die das zufällig-historische Faktum des 200. Geburtstags von Karl Marx zu ihrem Anlass nimmt, in der einen oder anderen Weise zumeist darauf, ob er «uns» «heute» noch etwas zu sagen habe. Spezifischer: welche seiner Theorieteile, Subtheorien oder praktischen Forderungen und Programme noch aktuell seien. Je nach dem mögen die Antworten hierauf lauten, der Marxismus sei – wie ohnehin längst bekannt – überholt. Oder aber – in einer Einstellung kritischerer Offenheit – er liefere nach wie vor taugliche Instrumente, die es hinsichtlich ihrer deskriptiv-phänomenologischen Adäquatheit, ihrer analytisch-explanativen Fruchtbarkeit oder ihres kritischen Potentials im Blick auf Erscheinungen und Symptome der späten Moderne neu zu entdecken und zu würdigen gälte. Die Aktualität der Marxschen Kapital-Analyse vermag zumal angesichts der seit 2007 jäh ins allgemeine Bewusstsein eingebrochenen Entwicklung der Finanzmärkte, über engere orthodoxe Zirkel hinaus, in den Feuilletons der großen Zeitungen wieder auf breite öffentliche Resonanz zu stoßen.[i]

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30 Apr

Interview mit Eve-Marie Engels

Eve-Marie Engels war bis zu ihrem Ruhestand Inhaberin des Lehrstuhls für Ethik in den Biowissenschaften an der Fakultät für Biologie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.


Wieso wollten Sie Philosophin werden?

Das Fach Philosophie hat mich bereits in der Schule begeistert, weil Philosophie mit Fragen und Problemen zu tun hat, die nicht durch reine Kenntnis von Fakten lösbar sind, sondern eine tiefer gehende Reflexion erfordern, die auch Selbstverständliches in Frage stellt. Die Möglichkeit des Philosophieunterrichts in der Schule kam meiner bereits erwähnten Neigung entgegen. Auch den Religionsunterricht habe ich als spannend erlebt. Allerdings habe ich die Schule insgesamt sehr gern auch noch wegen anderer Fächer besucht.

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