30 Mai

Wenn Fernunterricht zu Homeschooling wird: Bildungsgerechtigkeit und elterliche Pflichten

Von Johannes Giesinger (Zürich)


Mit der Schliessung der Schulen wurde der gewöhnliche Unterricht («Präsenzunterricht») auf «Fernunterricht» umgestellt. Häufig war auch von «Homeschooling» die Rede. Diese Bezeichnung erscheint einerseits als unzutreffend, andererseits aber entspricht sie wohl den Zuständen, die während des Shutdowns in vielen Familien herrschten.

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29 Mai

Was wird die Künstliche Intelligenz für Versicherungsunternehmen bedeuten?

Von Mario Günther (Canberra)

Es ist ein neuer Tag in nicht all zu ferner Zukunft. Du wachst auf. Deine Armbanduhr hat aufgenommen wie lange du geschlafen hast, wie dein Herz geschlagen hat, und wie du im Schlaf geatmet hast. Du fährst zur Arbeit. Sensoren in deinem Auto messen deine Geschwindigkeit und dein Bremsverhalten. Auf dem Weg hältst du kurz, um zu frühstücken, und bezahlst elektronisch. Die Transaktion und der Kaloriengehalt deines Frühstücks werden registriert. Dann hast du einen Autounfall. Du rufst deine Versicherung an. Dein Anruf wird umgehend beantwortet. Die Stimme am anderen Ende kennt deinen Namen und redet freundlich mit dir über deine Katze und wie deine Fußballmannschaft am vergangenen Wochenende spielte. Du sprichst mit einem Chat-Bot. Der Bot weiß so viel über dich, weil dein Versicherungsunternehmen Künstliche Intelligenz benutzt, um Informationen über dich aus den sozialen Medien zu schürfen. Der Bot weiß noch viel mehr. Im Austausch für günstigere Versicherungsbeiträge hast du zugestimmt, dass er deine persönlichen Geräte überwachen darf. 

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28 Mai

Die „Befreiung der Natur“ als Antwort auf die ökologische Krise

Von Max Gottschlich (Linz)


Die jüngste Auseinandersetzung mit den objektiven Rückwirkungen eines ungehemmten technisch-praktischen Naturverhältnisses in Gestalt ökologischer Krisen stellt nicht nur Ökonomie und Politik vor eine gewaltige Herausforderung, sondern zunächst und zuallererst das Denken. Denn das eigentliche Problem ist nicht unmittelbar auf der Ebene des Handelns zu lösen. Neue Normierungen für das Handeln zur Vermeidung unliebsamer Konsequenzen und zur Sicherstellung der „Ressource“ Natur für künftige Generationen zu fordern, greift zu kurz. In utilitären Kalkülen bewegen wir uns noch innerhalb des Feldes des technisch-praktischen Weltumganges, der Reduktion der Natur auf ihren Gebrauch. Teil des Problems ist auch die um sich greifende quasi-naturreligiösen Ideologie, die sich dem archaischen Gedanken des Opfers des Menschen für die Aufrechterhaltung des Vitalzusammenhanges bedrohlich annähert. In ihr schlägt jener Blick auf die Natur, der es nur mit funktionalen Tatsachen in Sachverhalten zu tun hat, auf seinen Urheber zurück, indem sich der Mensch selbst unter die Botmäßigkeit dieser Funktionalität stellt und als dysfunktionales und daher gegebenenfalls zu eliminierendes Element beurteilt.

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27 Mai

Was, wenn andere nichts tun? Eine Replik auf Rudolf Schüßler

Von Christian Baatz (Kiel) und Felix Pinkert (Wien)


In seinem aktuellen Beitrag zur Klimakrise stellt Rudolf Schüßler eine unbequeme Frage: Hat Deutschland bzw. die EU auch dann die moralische Pflicht, Treibhausgas-Emissionen erheblich zu reduzieren, wenn die Mehrzahl anderer großer Emittenten dies nicht tut?

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25 Mai

Von Fledermäusen, Schweinen und Hunden

Von Leonie Bossert (Tübingen)

Ist das Covid-19-verursachende Virus nun von Fledermäusen direkt, von Fledermäusen mit Zwischenwirten wie Schuppentieren oder doch – wie jüngst Christian Drosten in die Debatte eingebracht hat  – von Marderhunden auf den Menschen übergegangen? Wie wahrscheinlich ist der Ausbruch von Epidemien in „unseren Schweineställen“, in denen Viren zwangläufig gut gedeihen, wie auch vom Virologen Peter Rottier betont wurde? Und was besagt die Krise über das Mensch-Tier-Verhältnis, wenn die (nachvollziehbare) Angst vor Ansteckung dazu führt, dass zahlreiche Hunde in Tierheimen stranden oder aber Menschen für die Zeit der Ausgangssperre zur persönlichen Zerstreuung gerne ein Tier aus dem Tierheim aufnehmen möchten, welches danach dann aber bitte wieder vom Heim „zurückgenommen“ wird?

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22 Mai

Pandemie und ökologische Krise: Ein Reflexionsversuch aus vernunftethischem Blickwinkel

Von Kay Herrmann (Chemnitz)

Wie hält man es während einer Kontaktsperre mit sich selbst aus? Kann ich auf die Wissenschaft vertrauen? Vielleicht doch besser an eine große Verschwörung glauben? Wohin mit meiner Wut, wenn ich zu den großen Verlierern der Krise gehöre? – Eine Krise konfrontiert uns auch mit den großen, grundsätzlichen und existenziellen Fragen. Aber was, wenn es nicht immer eindeutige Antworten gibt? Ethische Dilemmata: Was tun, wenn ein Handeln nicht ohne Schädigung des andern möglich ist?

Nehmen wir das Damoklesschwert einer vielleicht gravierenderen Krise – die ökologische Krise – überhaupt noch wahr? – höchste Zeit, aus der Corona-Krise Lehren zu ziehen.

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19 Mai

Demokratisierung und Dekommodifizierung der Arbeit. Überlegungen zum Manifest #DemocratizingWork

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Vor einigen Tagen wurde das Manifest „ARBEIT: DEMOKRATISIEREN, DEKOMMODIFIZIEREN, NACHHALTIG GESTALTEN“ in Zeitungen und Zeitschriften in über dreißig Ländern veröffentlicht, das mittlerweile von über 3000 ForscherInnen, darunter auch viele PhilosophInnen, aus der ganzen Welt unterzeichnet wurde. Der Aufruf bezieht sich auf die COVID-19 Pandemie als Chance und Anlass für eine nachhaltige Veränderung des Erwerbsarbeitslebens. Wie aus dem Titel des Manifests hervorgeht, stehen drei Anliegen im Vordergrund: Arbeit soll demokratisiert werden, also Angestellte sollen in ihren Betrieben umfangreiche Mitspracherechte über Unternehmensentscheidungen erhalten. Arbeit soll dekommodifiziert werden, also jeder Mensch soll Anspruch auf einen würdigen Arbeitsplatz haben, der vom Staat garantiert wird. Arbeit soll nachhaltig gestaltet werden, also so verändert werden, um nicht mehr primär Profitinteressen zu dienen, sondern der Klimakrise entgegenzutreten. Das Manifest bietet vielerlei wichtige Anknüpfungspunkte für eine weiterführende (philosophische) Diskussion, welche sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen mittel- und langfristig erstrebenswert sind und wie der Weg dorthin gestaltet werden kann.

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21 Mai

Zur Relevanz der akademischen Tierethik bei der Frage nach dem Umgang mit nicht-menschlichen Tieren im öffentlichen Diskurs

von Alina Omerbasic (Potsdam)


Die Frage nach dem „richtigen“ Umgang und der Verantwortung des Menschen mit und gegenüber der außermenschlichen Natur und somit auch mit und gegenüber nicht-menschlichen Tieren ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Fokus öffentlicher Debatten gerückt. Diese aus moralphilosophischer Perspektive begrüßenswerte Entwicklung gibt Anlass, über die Rolle der akademischen Tierethik in diesem Prozess nachzudenken.

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20 Mai

‚Nicht wissen‘ und ‚Nicht-Wissen‘. Begriffsanalytische und sprachpragmatische Betrachtungen

von Wolfgang Lenzen (Osnabrück)


Im Alltag passiert es allzu häufig, dass wir etwas, das andere von uns wissen wollen, leider nicht wissen:

  • „Wo sind die Wagenschlüssel?“ – „Ich weiß es nicht!“
  • „Wer war der Mann gerade, der uns zugelächelt hat?“ – „Ich weiß es nicht!“
  • „Wann beginnen in Niedersachsen 2020 die Sommerferien?“ – „Ich weiß es nicht!“
  • „Wie heißt der gegenwärtige Ministerpräsident von Polen?“ – „Ich weiß es nicht!“ …

In gewisser Weise gilt für jeden von uns, dass unser Nicht-Wissen unser Wissen quantitativ weit übertrifft. Im Folgenden soll dieses Nicht-Wissen begriffslogisch näher analysiert werden. Dazu ist es unabdingbar, zunächst den positiven Begriff des Wissens zu präzisieren, und dieses setzt wiederum voraus, auch das Verhältnis von Wissen und Glauben zu klären.

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14 Mai

Warum eigentlich (nicht) Menschenrechte? – Zum Diskurs über die Klimakrise

Von Christoph Herrler (Erlangen)


Die mit dem anthropogenen Klimawandel einhergehende Erderhitzung ist mit vielen negativen Folgen verbunden. Dies dürfte allen, die naturwissenschaftliche Fakten als solche begreifen, nicht entgangen sein. Diese Folgen lassen sich häufig als Verletzung oder zumindest Bedrohung von Menschenrechten beschreiben. Gleichwohl sprechen die direkt politisch Verantwortlichen – meinem Eindruck nach – beim Klimaschutz eher von Kosten und Nutzen als von Menschenrechten. Wäre ein Umdenken angebracht?

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