18 Nov

Endlich kontroverse Ideen!?

Von Norbert Paulo (Graz/Salzburg)

Im Rahmen einer interessanten BBC-Radiodokumentation über politische Meinungsvielfalt an Universitäten hat Jeff McMahan, Professor für Moralphilosophie in Oxford, seine Initiative für eine neue Fachzeitschrift erläutert, die 2019 gegründet werden soll: The Journal of Controversial Ideas. Die grundsätzliche Idee dafür hat Peter Singer, der die Zeitschrift mit McMahan und Francesca Minerva (Gent) herausgeben wird, bereits 2017 in einem Interview angedeutet: In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung könnten Autor_innen heute leichter als früher davon abgehalten werden, Ideen zu veröffentlichen, die in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen unpopulär sind oder außerhalb dessen liegen, was (mehrheits-)gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

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15 Nov

Denken mit Geländer

von Bettina Bussmann (Salzburg)


Wer in den 1980er Jahren seine Schule beendet und ein Studium begonnen hat, der weiß, was es bedeutet, einer Lehrkraft oder einem Dozenten[i] stundenlang zuzuhören und wenig Möglichkeiten zu haben, sich Wissen kreativ und mit unterschiedlichen Methoden anzueignen. Der weiß auch, dass (bis heute) in vielen Ländern der Philosophieunterricht nicht schülerinnen-,  sondern dozentenorientiert aufgebaut ist. Ähnliches galt für die Uni. Es gab immer nur wenige – häufig ausschließlich männliche Studierende, – die den Mut hatten, sich in philosophischen Veranstaltungen an Diskussionen zu beteiligen.

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13 Nov

#Metoo und Frauen in der akademischen Philosophie: Der perfekte Sturm

von Andrea Klonschinski (Kiel)


Was ist die #Metoo Debatte?

Bevor das Thema #Metoo sinnvoll diskutiert werden kann, gilt es zunächst zu klären, was genau eigentlich gemeint ist, wenn von der #Metoo Debatte die Rede ist. Hier sind mindestens zwei verschiedenartige Phänomene zu unterscheiden: erstens der Hashtag #Metoo, unter dem zunächst Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Hollywoodgrößen laut wurden, der sich später aber zu einem Forum entwickelte, in dem Frauen ein breites Spektrum an Erfahrungen mit Sexismus schildern. Diese Berichte sind sicherlich „undifferenziert“, wie Kritiker häufig einwenden, insofern sie subjektiv sind und zunächst einmal unverbunden nebeneinanderstehen. Aber genau darin liegt auch die Wirkungsmacht von #Metoo: diese Erfahrungen erst einmal ungefiltert an die Öffentlichkeit zu bringen. Zweitens hat dieses Twitter-Phänomen nämlich bekanntermaßen eine mediale und gesellschaftliche Debatte über den Umgang von heterosexuellen Frauen und Männern miteinander im Rahmen gesellschaftlicher Machtverhältnisse angestoßen.[*] Diese Debatte findet im Feuilleton statt, in Talkshows, am Küchen- oder Stammtisch sowie in der Paneldiskussion „#Metoo@Philosophie“ im Rahmen der VI. Tagung für Praktische Philosophie, auf der dieser Text basiert.

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08 Nov

Zur Relevanz einer psychologisch informierten Moralphilosophie: Eine Replik auf Königs

von Christoph Bublitz (Hamburg)

In einem jüngst in diesem Blog erschienenen Beitrag taxiert Peter Königs die Relevanz der  moralpsychologisch informierten Moralphilosophie (MiM) als gering. Sein Beitrag durchzieht das Bemühen, die Erträge der in den vergangenen Jahren international aufblühenden Forschungsrichtung an der Schnittstelle von Empirie und Philosophie in die Nähe des ad hominem Fehlschlusses zu rücken. In der Tat beziehen sich normative Argumente der MiM regelmäßig auf psychologische Aspekte moralischen Urteilens wie  Rationalisierungen, Unvoreingenommenheit oder Unparteilichkeit und damit notwendigerweise auch auf die Person des moralischen Urteilenden. Doch Schlüsse von psychologischen auf normative Eigenschaften seien, so Königs, ad hominem und damit jedenfalls in akademischen Debatten unzulässig. Im besten Falle lieferten sie „ressourcensparende, aber ungenaue“ Heuristiken. Erkenntnisgewinne in der Sache seien durch die MiM nicht zu erwarten. Mehr noch: die Argumente Joshua Greenes, einem der Protagonisten des Feldes, stellten gar eine „empirisch informierte Beleidigung“ bzw. „Diffamierung“ von Andersdenkenden, namentlich Deontologen, dar.

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06 Nov

Über das empirisch informierte Beleidigen von Kollegen

von Peter Königs (Karlsruhe)


Akademische Debatten unterliegen bestimmten Diskursregeln. Dazu zählen etwa die Pflicht, bereits existierende Forschungsliteratur zu berücksichtigen, die Pflicht, das Principle of Charity zu achten und auch die Pflicht, Argumente inhaltlich zu prüfen, anstatt einfach deren Urheber persönlich anzugreifen. Dass ad hominem-Attacken unzulässig sind, vielleicht sogar Fehlschlüsse, lernt jeder Philosophiestudent im ersten Semester. Was jedoch genau das Problem ist mit ad hominem-Attacken, ist – überraschenderweise – gar nicht so klar, wie man zunächst meinen würde. Und – vielleicht auch etwas überraschend − wirft eine aktuelle moralpsychologische Debatte genau diese Frage auf.

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01 Nov

Aufklärung, Wissenschaft und „post-truth politics“: Viele Fragezeichen und einige Ausrufezeichen

von Konrad Ott (Kiel)


Als vor Jahresfrist in Russland mehrere Hundert Demonstranten festgenommen wurden, kommentierte der Präsident der Duma, W. Wolodin, dieses Ereignis mit folgenden Worten: „Auf den Straßen Europas löst die Polizei täglich Demonstrationen noch härter auf als dies die russische Polizei tue“ (so die FAZ vom 28. März 2017, S. 1). Meine erste Reaktion war: „Das stimmt nicht, das ist nicht wahr“. Meine zweite Reaktion war: „Naja, ein weiteres Beispiel von ‚post-truth politics‘“. Meine dritte Reaktion: „Oh, ich fange an, mich daran allmählich zu gewöhnen!“. Seither ist es eher noch schlimmer geworden; die Präsidentschaft Trumps ist aber nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.

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30 Okt

Bildung gegen Populismus?

von Krassimir Stojanov (Eichstätt)


Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, überhaupt die Ablehnung von Andersheit und Pluralität, vor allem Ergebnis einer mangelhaften Bildung seien.  In der Tat, geht Bildung nicht mit der Entstehung von Weltoffenheit und mit der Entwicklung eines differenzierten Denkens zusammen, das sich groben Vereinfachungen widersetzt,  welche für (rechts-) populistische Ideologien charakteristisch sind? Und führt Bildung nicht zu einer Aufgeklärtheit und Souveränität des  Einzelnen, die  ihn gegen diffuse Ängste oder gar blinden Hass immun machen sollte – also gegen Gefühle, die betroffene Menschen anfällig für diese Ideologien  machen?

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25 Okt

Me Too – Es wäre zu schön gewesen, die Angst zu verschieben

von Maria Sagmeister (Wien)


Vor einiger Zeit wurde ich eingeladen, diesen Blogbeitrag zum Schlagwort #metoo[1] zu verfassen. Damals wurden gerade erste Täter_innen mit Konsequenzen konfrontiert und es sah fast so aus, als hätten es manche tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen.[2] Es schien, als müsste nicht wieder und wieder dargelegt werden, dass rape culture Opfern sexueller Übergriffe ihre Glaubwürdigkeit raubt, im Zusammenhang mit Vergewaltigungsverfahren oft eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird und sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt ist. Von wegen. In den letzten Wochen wurde in den USA Brett Kavanaugh[3] trotz Vergewaltigungsvorwurf zum Höchstrichter ernannt – was der Behauptung, dass ein solcher Vorwurf einen Mann bzw seine Karriere zerstören kann, endgültig den Wind aus den Segeln nimmt, Trump aber nicht daran hindert, zu verbreiten, dass die heutige Welt in dieser Hinsicht besonders für Burschen eine gefährliche ist.[4] Etwa zur gleichen Zeit wurde in Österreich Sigrid Maurer wegen Übler Nachrede schuldig gesprochen, nachdem sie sexistische, übergriffige Nachrichten inklusive dem Namen des Klägers veröffentlicht hatte.[5] Hallo Backlash.

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23 Okt

Wer wächst wohin? Zum Begriff des wissenschaftlichen Nachwuchses

von David Willmes (Freiburg im Breisgau)

 

Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie Begriffe wie „Betreuer“ oder „Nachwuchs“ hören? Fragt man Lieschen Müller, wird sie wohl kaum an Hochqualifizierte auf dem Weg zum Doktorgrad oder zur Professur denken. Sondern vielleicht eher an Kinder oder Pflegebedürftige. Im Hochschuljargon sind diese Ausdrücke gang und gäbe – trotz Infantilisierung, anscheinend mangels Alternativen. Auch bei mir hat sich der Sprachgebrauch eingeprägt. Allerdings bleibt ein Beigeschmack. Wir sollten genauer hinschauen, was serviert wird.

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18 Okt

‚Interkulturelle Bildung‘ – theoretisch problematisch, praktisch möglich

von Melanie Förg (München)


Ist interkulturelle Bildung möglich?

Interkulturelle Bildung ist schon deshalb nötig, weil z.B. die deutschsprachigen Länder Einwanderungsländer sind;[1] und Schule als öffentliche Institution ist hier besonders gefragt, weil die Schulpflicht dazu führt, dass Schule der Ort ist, an dem Schüler_innen aus allen Kulturen zusammenkommen, um zusammen zu lernen – ob sie dies wollen oder nicht. Wenn dies gelingt, spricht dies übrigens für die allgemeine Schulpflicht gegenüber einer nur allgemeinen Unterrichtspflicht.

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