19 Mai

Die Philosophie-Konzeption des späten Wittgenstein

Von Nicole Rathgeb (Bern)


Dem späten Wittgenstein zufolge ist die Philosophie „ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ (PU § 109). Philosophische Probleme basieren auf sprachlich-begrifflichen Verwirrungen und werden gelöst oder aufgelöst, indem diese Verwirrungen beseitigt werden: indem wir uns einen Überblick darüber verschaffen, wie die für das jeweilige philosophische Problem relevanten sprachlichen Ausdrücke normalerweise verwendet werden. Als Beispiel kann das Problem des Fremdpsychischen herangezogen werden: Es scheint, als hätten wir nur zu unserem eigenen Innenleben einen direkten Zugang und nähmen von anderen Personen unmittelbar nur ihr Verhalten wahr. Können wir dann überhaupt mit Sicherheit wissen, welche Überzeugungen, Absichten und Wünsche andere Personen haben, ob sie z.B. gerade Schmerzen haben oder sich langweilen – oder ob sie überhaupt einen Geist bzw. ein Bewusstsein besitzen?

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17 Mai

Romantischer Republikanismus

Von Philipp Hölzing (Berlin)


»Gut für die Poesie, schlecht für die Politik.«[1] So lautet ein geläufiges Urteil über die Romantik, die als Entstehungsherd des modernen Irrationalismus gilt und vom Nationalsozialismus bis zu den heutigen Querdenkern für Allerlei verantwortlich sein soll. Dagegen wird hier die These verfochten, dass wir am Beispiel Friedrich Schlegels in der Frühromantik eine progressive politische Philosophie antreffen, die eine Radikalisierung des politischen Denkens der Aufklärung betreibt. In Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, mit dem philosophischen Denken seiner Zeit und insbesondere mit Immanuel Kant radikalisiert Schlegel dessen kosmopolitischen Republikanismus.

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12 Mai

Deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine. Ein Offener Brief mit guten, aber nicht universell verpflichtenden moralischen Gründen

von Stephan Wagner (Münster)


In den vergangenen Tagen sorgte ein Offener Brief für einigen medialen Aufruhr, in dem eine Gruppe erstunterzeichnender Prominenter, unter ihnen einige prominente Jurist*innen und Philosoph*innen, den Bundeskanzler zu Besonnenheit in der Ukrainekrise mahnt und ihn ausdrücklich dazu auffordert, „weder direkt noch indirekt, weitere schwere Waffen an die Ukraine [zu] liefern“. Inhaltliche Hauptargumente des Briefes, bezüglich derer „Grenzlinien […] jetzt erreicht“ seien, sind die kategorisch abzuwendende Gefahr eines Atomkriegs sowie das Leiden der ukrainischen Zivilbevölkerung.

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10 Mai

Philosophie und Computerspiele

Von Sebastian Ostritsch (Stuttgart)


Computerspiele haben sich von einem nerdigen Nischenhobby zu einem Massenphänomen der Populärkultur entwickelt. Aber auch das Nerdsein gehört inzwischen zum Mainstream und es wäre eine interessante soziologische Frage, ob der Nerd die Games oder die Games den Nerd populär gemacht haben. Der Nerdigkeit des Mediums entsprechend scheuen Computerspiele auch vor philosophischen Themen nicht zurück. Neben moralischen Dilemmata (etwa in The Walking Dead, 2012-2019) wird in Games auffallend häufig der Zusammenhang von Determinismus und Freiheit ausgelotet, so etwa im genialen The Stanley Parable (2011) oder auch im Rätselspiel The Talos Principle (2014), in dem auch noch die Möglichkeit und der Wert Künstlicher Intelligenz thematisiert werden. In umgekehrter Richtung hat sich in den letzten Jahren auch die Philosophie der Computerspiele angenommen. Diese haben sich dabei in gleich mehrfacher Hinsicht als bedenkenswert erwiesen.

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06 Mai

Der Krieg in der Ukraine und die Europäische Sicherheitspolitik – Eine Zeitenwende? Ein Diskussionsvorschlag in drei Fragen

Von Pascal Delhom (Flensburg)


Der russische Einmarsch in die Ukraine wird vielfach von politischen Akteur*innen und im öffentlichen Diskurs in Europa als „Zeitenwende“ beschrieben. Es sei Zeit, alte Denkmuster zu überprüfen und sich der Realität einer Bedrohung zu stellen, die von vielen nicht ernst genug genommen worden ist. Dies ist sicher richtig. Doch lässt diese Zeitenwende viele Fragen offen.

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05 Mai

Polemisch und beleidigend sind immer die anderen: Zu Daniel Lucas’ Invektiven gegen mich

von Uwe Steinhoff (Hongkong)


Daniel Lucas mag meine Kritik an den Ausführungen Heiner Kochs und Deborah Mühlebachs zur GAP und zur causa Kathleen Stock nicht. Angeblich hätten Koch und Mühlebach sich um eine „Versachlichung“ der Debatte bemüht. Keineswegs. Wie meine Kritik zeigt, ergehen sie sich in einer Reihe von Unterstellungen. Lucas tut es ihnen nach, nun in Bezug auf mich.

So meint er, es stelle „sich die Frage, inwiefern Beiträge als relevanter Teil einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung auftreten, die etwa solche Absätze beinhalten”:

„Wenn der GAP an offener Diskussion gelegen ist, sollte sie Begrifflichkeiten vermeiden, welche sich eher für das einstige Sowjetregime mit seiner ausgeprägten Neigung eignen, Dissidenten als Geistesgestörte in die Psychiatrie zu sperren. Umgekehrt freilich ist die Popularität solcher Begrifflichkeiten im ‚woken‘ linksautoritären Milieu nur die Fortsetzung der eigenen Tradition.“ (Dieses Zitat ist aus meinem Text)

Und er erklärt: “Es hilft wenig zur Versachlichung der Debatte, wenn man seine Gegner*innen in die Nachfolge stalinistischer Vernichtungspolitik setzt.”

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03 Mai

Kuhn über Herrschaft und Sturz von Paradigmen

Von Cord Friebe (Siegen)


Wissenschaft ist kein Prozess stetigen Forstschritts, bei dem man sich nach und nach der Wahrheit annähert. Vielmehr ist Wissenschaft die Dynamik von Revolutionen, dem Aufstieg und Niedergang wohletabliert erscheinender Paradigmen – wie etwa der Newtonschen Physik. Wissenschaft ist daher wesentlich Streit, Kritik am Etablierten, die Bereitschaft, das Vertraute in Frage zu stellen. So könnte man Thomas Kuhn (1922-1996) verstehen, wie ja schon der Titel seines Hauptwerks von 1962 – The Structure of Scientific Revolutions – deutlich zum Ausdruck bringe.

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28 Apr

Ist Trumpismus ohne Trump möglich?

Von Christian Niemeyer (Berlin)


Schwierige Frage: Wenn ich sie bejahe, beleidige ich Trump, wenn ich sie verneine, Putin. Andererseits: Wenn man dem US-Journalisten Craig Unger („Trump in Putins Hand. Die wahre Geschichte von Donald Trump und der russischen Mafia“; Econ: Berlin 2018) folgt, steckt der eine (Trump) ja ohnehin im anderen (Putin), nach Art der russischen Maruschka-Puppen. Mit – aktuell – Putin oben auf. Denn niemand hat unmittelbar vor und natürlich während des noch laufenden Überfalls auf die Ukraine derart viel gelogen wie dieser Lügenbaron des Jahrgangs 1952 (abgesehen vom letzten dieses Formats vom Jahrgang 1889). Einige Beispiele: Mindestens 30 Labore für Bio- und Chemiewaffen habe man in der Ukraine entdeckt, konnte in letzter Minute den „Neo-Nazis und Drogensüchtigen“ in Kiew das Handwerk legen – und, natürlich, der Klassiker, am 10. März von Lawrow („His masters voice!“) in Antalya zum Vortrag gebracht: „Wir haben die Ukraine nicht angegriffen!“ So betrachtet ist Putin aktuell der noch bessere Trump – noch konsequenter lügend des eigenen Machterhalts wegen, sich den Staat als Beute sichernd, schrittweise auch die Presse und die Medien, vor allem aber, woran bei Trump zum Glück nie zu denken war: unbesorgt als der agierend, dessen Metier Trumps Nachfolger Joe Biden auf die einfache Formel „Killer!“ brachte. Inzwischen wissen wir alle und haben es sprachlos zur Kenntnis nehmen müssen, dass dieses Urteil dringend der Ergänzung bedarf um die Vokabel: „Kriegsverbrecher!“ Was aber folgt daraus für unsere Ausgangsfrage? Nun, hoffentlich doch und diesmal für alle Zeiten: „Nie wieder! Nie wieder Krieg! Nie wieder Diktatur! Nie wieder Fanatismus!“ Deswegen, in Fortsetzung der Abrechnung aus meinem „Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon“ (2021) mit nützlichen Idioten Putins, etwa Michael Klonovsky (Beinahe-AfD-Bundestagsabgeordneter für Chemnitz 2021), der im Sommer 2018, aus Moskau kommend, sein „Pionierehrenwort“ (oh Gott!) dafür einlegte, dass mit der Krim (und dem Abschuss eines holländischen Passagierflugzeugs?) Putins Hunger gestillt sei, nun ein weiteres Zitat aus jenem Buch, unverändert und nicht-kursiviert, auf dem Stand Sommer 2021.

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26 Apr

Zum 250. Geburtstag: über Schlegels „wirklich schlechtes Buch“ und warum es gelesen werden sollte

Von Max Brinnich (Wien)


Friedrich Schlegel wurde sicher für vieles hochgerühmt, für manches aber gleichermaßen tief verdammt: sein Konzept der Universalpoesie etwa, das keine Grenzen mehr kennt, zwischen Literatur und Philosophie einerseits und zwischen Kunst und Natur und Leben und Poesie andererseits, oder auch sein frühes Verständnis der Grundzüge der hermeneutischen Methode und des Perspektivenwechsels, den diese erforderlich macht – dass einen Text zu verstehen eben weit weniger bedeutet, den ursprünglichen Intentionen seines Autors nachzuspüren, sondern vielmehr selbst Hand anzulegen, selbst Kritik zu üben –, aber auch seine tragende Rolle innerhalb der Romantik und noch vieles mehr haben ihn zeitlebens als feingeistigen Denker bekannt und später dann zu einer zentralen Figur der deutschsprachigen Ideengeschichte gemacht. Weniger bekannt sind seine literarischen Bemühungen. Diese haben seinen Ruhm nicht gerade vermehrt.

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21 Apr

Generationengerechtigkeit braucht individuelle Freiheit

Von Charlotte Unruh (München)


Mit Generationengerechtigkeit lassen sich im Moment viele politische Ziele begründen. Emilia Fester, die jüngste Abgeordnete im Bundestag, zeigte sich enttäuscht nach der Ablehnung der Impfpflicht im Bundestag. In der Debatte zur Impfpflicht hatte sie vor einigen Wochen zum Impfen für die Freiheit junger Generationen aufgerufen, sinngemäß: wer sich impfen lasse, stelle sicher, dass Kinder und Jugendliche frei von Maßnahmen durch den nächsten Herbst und Winter kommen. Freiheit: das klingt richtig und wichtig.

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