06 Mai

Zwischen Tugend- und Sozialethik: Armut in der Patristik und im Frühmittelalter

Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf einen ausführlichen Beitrag im neuen Handbuch Philosophie und Armut, welches im April 2021 bei J.B. Metzler erschienen ist.


Von Peter Schallenberg (Mönchengladbach)


Alles Nachdenken einer christlich inspirierten Philosophie zur Armut beginnt mit dem programmatischen Satz Jesu: „Denn wo euer Schatz ist, da ist euer Herz!“ (Mt 6, 21) Es geht nicht um Reichtum und Armut an sich, es geht in gut platonischer und altkirchlicher Tradition um das Ziel des Denkens und Handelns, letztlich des menschlichen Lebens: Wozu ist der Mensch auf Erden?

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04 Mai

Freiheit und Krisis – Zu den Ursachen von Fremden-, Schwachen- und Intellektuellenfeindlichkeit

Von Ralph Schröder (Basel)


Verachtungsdiskurse sind untrügliche Kennzeichen jeglichen Autoritarismus, Fremden-, Schwachen- und Intellektuellenfeindlichkeit sein abgründiges «Fundament». Matthias Bertschinger legt in seinem 2020 erschienenen Werk «Freiheit und Krisis» in einem neuartigen psychoanalytisch-ontologischen Denkansatz die Ursachen von Autoritarismus frei: als «Abwehr der Freiheit».

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02 Mai

Zwischen Interpretation und Adaption: Rawls im Dialog mit Kant

Von Jakob Huber (Frankfurt)


John Rawls habe die normative politische Philosophie im und für das 20. Jahrhundert wiederbelebt, so eine weiterverbreitetes (wenngleich zunehmend kritisiertes) Narrativ. Während sich sein Rang in der Ahnengalerie der Gerechtigkeitstheorie 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Hauptwerkes weiter festigt, werden Rawls‘ eigene Arbeiten zur Geschichte der Philosophie weiterhin kaum beachtet. Wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte, stehen diese Rawls‘ eigenem Theoriekonstrukt sicherlich in ihrer Originalität, weniger jedoch in ihrer Wirkmächtigkeit nach. Insbesondere Rawls‘ Kantinterpretation hat sich – zum Guten oder zum Schlechten – gerade im angloamerikanischen Kontext als einflussreich entpuppt. Begünstigt durch Rawls‘ häufig undurchsichtige Kombination aus Interpretation, Adaption und Modifikation sowie vermittelt durch eine Reihe Kant-affiner Schüler:innen lässt sich ein Bild eines wechselseitiges Verhältnis Rawlsscher und Kant’scher Ideen zeichnen.

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29 Apr

Der Zahn der Zeit. Altern als Indikator der Endlichkeit

Von Michael Fuchs (Linz)


Was ist Altern?

Wein altert. Häuser altern. Kunstwerke altern. Bäume, Hunde und Menschen altern. Wenn das durchschnittliche Alter in einer Gesellschaft zunimmt, sprechen wir von einer alternden Gesellschaft. Altern bezeichnet, wenn es auf Individuen oder individuelle Dinge bezogen ist, das Verstreichen der Zeit und die Veränderungen, die mit der Zeit erfolgen. Dies können Prozesse der Reifung und des Wachstums oder Vorgänge der Schrumpfung und des Verfalls sein. Auch unter den Lebewesen laufen die Prozesse der Alterung verschieden ab und werden unterschiedlich konzeptualisiert. In der Botanik steht Altern nicht für abnehmende Lebenskraft, sondern für alle zeitabhängigen Prozesse (vgl. Krupinska2021). In der Zoologie und der biologischen Anthropologie ist die Identifikation des biologischen Alterns mit der Seneszenz hingegen weitverbreitet. Was aber ist mit „Altern“ gemeint, wenn Psychologen oder Ratgeber von einem „erfolgreichen Altern“ sprechen? Hier scheint es nicht um einen Prozess zu gehen, der am Subjekt abläuft, sondern der durch das Subjekt gesteuert wird. In verschiedenen Darstellungen einer existentiellen Sicht auf das Altern und das Alter, Sebastian Knell spricht geradezu von einem „existentiellen Altern“ (Knell 2017, 109-110), wird deutlich, dass die Einsicht in die Endlichkeit bzw. in das Illusionäre der Unendlichkeit gerade durch Erfahrungen der Gebrechlichkeit und der Irreversibilität von Verlusten geprägt ist und dass die Erfahrung der Zeit kaum ohne Erfahrungen in der Zeit beschrieben werden kann.

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27 Apr

Ist es möglich, gemeinsam zu fühlen? Wie kollektive Emotionen in zwischenleiblicher Resonanz entstehen

Von Gerhard Thonhauser (Darmstadt)


Es scheint selbstverständlich, dass man nur seine eigenen Emotionen fühlen kann. Denn Emotionen sind an den Körper und an das Bewusstsein gebunden: Emotionen beruhen auf Prozessen, die in meinem Körper ablaufen, und sind Erfahrungen, die in meinem Bewusstsein erlebt werden. Daher können mir die Emotionen anderer niemals unmittelbar gegeben sein, denn ich habe keinen Zugang zu deren Bewusstsein und auch deren Körper kann ich nicht von innen erleben. Unmittelbar gegeben sind mir nur die Außenansichten der Körper der anderen, sodass ich anhand meiner Beobachtung ihrer Körper zu ergründen versuchen muss, was diese wohl Denken und Fühlen mögen. Doch in letzter Konsequenz werden mir die Anderen immer ein Rätsel bleiben, da ich mir nie sicher sein kann, ob diese wirklich Denken und Fühlen, was ich anhand meiner Deutung ihres Verhaltens von ihnen annehme. Entsprechend kann es auch kein echtes Miteinanderfühlen geben. Wir mögen uns zwar manchmal mit anderen so verbunden fühlen, dass wir annehmen, dasselbe zu fühlen; doch dies kann niemals wirklich der Fall sein, weil jede von uns letztlich immer nur ihre eigenen Emotionen fühlen kann. So etwas wie kollektive Emotionen gibt es nur in einem metaphorischen Sinn: Es mag zwar üblich sein, davon zu sprechen, dass wir uns freuen, aber das kann bei näherer Betrachtung nicht bedeuten, dass die Freude tatsächlich unsere Freude ist, sondern nur, dass unsere individuellen Emotionen der Freude irgendwie aufeinander bezogen sind.

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25 Apr

Rawls und die Religion. Zum Verhältnis zwischen Glauben und öffentlicher Rechtfertigung

Von Michael Roseneck (Frankfurt und Mainz)


Die Sozialforschung ist weitestgehend von der Prognose Max Webers abgerückt, dass Modernisierung und die Trennung von Kirche und Staat zugleich auch einen Bedeutungsverlust der Religion bedingen. Vielmehr beziehen religiöse Akteure in der demokratischen Öffentlichkeit oder in Institutionen wie beratenden Ethikkommissionen prominent Stellung, zum Beispiel zu moralisch bedeutsamen Fragen wie denen von Abtreibung, Asylpolitik oder Medizinethik, und üben damit potentiell Einfluss auf den Willensbildungsprozess aus.[i]

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22 Apr

Objektiver Idealismus. Fragen an Vittorio Hösle

Der an der University of Notre Dame lehrende Philosoph Vittorio Hösle ist ein profilierter Vertreter eines objektiven Idealismus. Seine zahlreichen Publikationen umfassen u.a. «Wahrheit und Geschichte. Studien zur Struktur der Philosophiegeschichte unter paradigmatischer Analyse der Entwicklung von Parmenides bis Platon» (1984), «Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersubjektivität» (1987), «Moral und Politik. Grundlagen einer politischen Ethik für das 21. Jahrhundert» (1997), «Kritik der verstehenden Vernunft. Eine Grundlegung der Geisteswissenschaften» (2018), «Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart» (2019). Das Interview führte Gregor Schäfer, Doktorand in Philosophie an der Universität Basel. 2018 / 19 war er visiting researcher an der University of Notre Dame. 

Gregor Schäfer: Wie würden Sie – in aller Kürze – die philosophische Position eines «objektiven Idealismus» definieren?

Vittorio Hösle: Der objektive Idealismus nimmt erstens an, dass es neben Physischem und Mentalem Ideales gibt, dass zweitens innerhalb dieser idealen Strukturen Werte eine Sonderstellung haben und dafür verantwortlich sind, dass die Welt so ist, wie sie ist, drittens, dass die Erkennbarkeit der idealen Welt durch den endlichen Geist kein kontingentes Faktum ist, sondern aus diesen Werten folgt. Die Erkenntnis der idealen Welt ist nicht empirischer Natur, aber dennoch gültige Erkenntnis.

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20 Apr

Digitalisierung und grüne Hightech Zivilisationen

Von Bernhard Irrgang (Dresden)


Thema des Blogbeitrags ist die Entwicklung einer neuen kognitiv orientierten praktischen Philosophie für eine neue Technologiezivilisation nach der Industriegesellschaft, die sich seit ca. 1990 (erste Anfänge im Zweiten Weltkrieg) entwickelt. Dabei sollen in der Geschichte entwickelte Interpretationsmodelle praktischer Philosophie nicht nur fachkundig interpretiert werden, sondern angesichts der doch recht neuartigen Probleme in Technologie, Gesellschaft und Kultur dynamisch, kreativ und experimentell weiterentwickelt werden. Es geht um eine neue Grundausrichtung der Philosophie jenseits der alten Aufteilung in Theorie und Praxis. Ich nenne diesen Ansatz eine Cyberphilosophie des algorithmic und synergetic turn vor dem Hintergrund einer phänomenologisch-hermeneutischen Interpretation der Alltags- und Lebenswelt.

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18 Apr

Das Recht der Völker

Von Christine Straehle (Hamburg)


Zu Ende der 90er Jahre hatte John Rawls seine Überlegungen zur globalen Gerechtigkeitsdiskussion unter dem Titel Law of Peoples veröffentlicht (dt. Das Recht der Völker). Es sollte als seine Antwort auf all diejenigen gelten, die seine Theorie der Gerechtigkeit auf die internationale Sphäre anwenden wollten. Solchen Versuchen erteilte Rawls eine deutliche Absage. Stattdessen unterstrich er in diesem Band eindeutig wieder die Kantianischen Wurzeln seiner politischen Philosophie, indem Rawls die Rolle des Staates als Garanten des Rechts und der individuellen Freiheit hervorhob. Allerdings stach hervor, dass er eben nicht Staaten als Einheit des internationalen Rechts betrachtete, sondern Völker. Inwieweit diese Abgrenzung allerdings erfolgreich war, ist immer noch umstritten.

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15 Apr

Warum wir nicht sagen, was wir denken… Gedanken zur Toleranz in Zeiten von Corona

Von Oliver Hidalgo (Regensburg)


Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob es legitim sei, bei einem Report über Islamfeindlichkeit mitzuschreiben, der von der Erdoğan-nahen Stiftung Seta finanziert wird. Und obwohl ich das keinem raten würde, beschäftigt mich seither die Frage: Warum eigentlich nicht? Die feststellbare Diskriminierung von Muslimen in Europa wird ja nicht davon entkräftet, dass die AKP ein Interesse daran besitzt, sie zu dokumentieren. Kommt es also wirklich nicht darauf an, was stimmt und was nicht, sondern allein, wer es für sich ausschlachtet? Und gehen solche Nuancierungen in Zeiten der Corona-Krise nicht ohnehin unter?

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