18 Feb

Das Kind im Krankenhaus. Paternalismus zwischen Zwang und Kreativität

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Oliver Krüger (Hamburg)


Mündigen Erwachsenen kommen im Krankenhaus umfangreiche Aufklärungsrechte zu. Kindern hingegen werden diese Rechte nicht oder nur eingeschränkt zugeschrieben. Obwohl diese Einschränkung ihre ethische Bewandtnis hat, birgt sie die Gefahr, einen Freibrief für Zwang gegenüber Kindern auszustellen. Allein die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention im Krankenhaus rechtfertigt keinen uneingeschränkten Paternalismus gegenüber Kindern. Notwendig ist dagegen eine besondere Kreativität der Eltern und des medizinischen Personals, die nicht rein zweckbezogen ist, sondern ein eigenes Rechtfertigungselement einer ethischen Durchführung medizinischer Interventionen darstellt.

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13 Feb

‚Der Weltgeist als Autonomes Automobil‘

von Martin Gessmann (Offenbach)


Wie auch immer die Durchhalteparolen lauten, die sich die Gemeinde der Hegelianer vorsagen: seit dem Mauerfall ist die Luft raus aus den Hegeldebatten. Die Hegelvereinigungen tun sich schwer, das Level der Aufmerksamkeit hoch zu halten. Der Marxismus als Reibefläche und Konkurrent ist verschwunden, und damit scheint auch Hegel von der Weltbühne der wichtigen Auseinandersetzungen endlich abgetreten. Im Grunde ging es darum zu zeigen, dass es auch noch eine ordentliche bürgerliche Alternative gibt zum Theorieanspruch des Kommunismus auf ideologische Weltherrschaft. Mit dem Hegelschen Politik-Original sei langfristig mehr erreicht als mit der Marxschen Klassenkampf-Kopie. Nun sah man sich bestätigt, aber auch mit Oskar Wilde der traurigen Einsicht konfrontiert: Es gibt nichts Schlimmeres als seine hehrsten Ziele irgendwann einmal zu erreichen. Die einstmals aufregenden Hegelstudien sind inzwischen zu einer philosophischen Mottenkiste geworden, man befleißigt sich kundigen Aktenstudiums, und das auch schon nicht mehr auf der Höhe eines Kant oder Heideggers, geschweige denn Platos oder Aristoteles. Hegel wird zum historischen Hinterbänkler.

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11 Feb

Vom Horror der Philosophie. Ein Essay zu Friedrich Nietzsches 175. Geburtstag

von Eike Brock (Bochum)


„Mein heutiges Leben ist alles andere als glücklich, aber durch die Antidepressiva habe ich einen Boden unter den Füßen.“

(Jamie Morton in Stephen Kings Revival)

I. Trudeln mit Descartes

In René Descartes’ Meditationes de prima philosophia (1641) ist es besonders augenfällig: Die Philosophie – ich schere hier Vielgestaltiges großzügig über einen Kamm – verfügt über ein ausgezeichnetes Talent: Sie ist in der Lage, dem Menschen sogar dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wenn sie eigentlich angetreten ist, um ein stabiles Fundament zu errichten, auf dem sich bauen lässt. Genau genommen handelt es sich natürlich nicht um ein Talent, sondern eher um eine unheilvolle Konsequenz, die sich daraus ergibt, dass die Philosophie als begründende Wissenschaft den Dingen auf den Grund geht. Spätestens seitdem Gott verstorben ist,[1] stoßen Philosophinnen und Philosophen bei ihren Ergründungen regelmäßig auf Abgründe, in die sie manchmal auch hinabstürzen. Ebenso wäre es auch Descartes ergangen, der freilich noch ein Zeitgenosse Gottes war, den er aber während seiner Überlegungen zunächst ausklammerte. Hätte Descartes an einem bestimmten Punkt seines Nachdenkens unter Aufbietung aller Magie seines beeindruckenden Verstandes nicht vermittels gleich zweier scharfsinniger, letztlich dann aber doch nicht vollständig überzeugender Gottesbeweise doch wieder Gott aus dem Hut gezaubert, so wäre er gewiss gefallen.

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06 Feb

Warum (schon lange) tote Philosophen lesen?

Von Achim Vesper (Frankfurt am Main)

Philosophie hat es mit Problemen zu tun, die wir mit unseren Zeitgenossen teilen. Was sollte dagegen sprechen, die Probleme in einer Sprache zu beschreiben und nach Standards zu untersuchen, mit denen auch unseren Zeitgenossen bekannt sind? Philosophiehistoriker mögen dagegen einwenden, dass die Grenzen der Zeitgenossenschaft in der Philosophie besonders weit gezogen sind, da die meisten Probleme, mit denen sich Philosophen beschäftigen, keine neuen, sondern alte Probleme sind – es sind die gleichen Probleme, mit denen sich Philosophen auch in der Vergangenheit beschäftigt haben.

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04 Feb

Post-Privacy oder Datenschutz als neuer Megatrend? Sinn und Wert der Privatheit

von Anne Siegetsleitner (Innsbruck)


1. Post-Privacy oder Privatheit als neuer Trend?

Vielen gelten heute Begriffe wie „privat“, „Privatsphäre“ oder „Privatheit“ als abgenutzt. Manche bedauern dies, andere halten die damit verbundenen Ideen ohnehin für altmodisch und „sowas von Eighties“, wie Julia Schramm, eine Vertreterin der Post-Privacy-Fraktion, in einem Spiegel Online-Interview (https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/internet-exhibitionisten-spackeria-privatsphaere-ist-sowas-von-eighties-a-749831.html) meinte. Tatsächlich haben diese Ausdrücke und die damit verbundenen Vorstellungen schon bessere Zeiten gesehen. Fest steht: In den medialen Fokus gerieten Fragen nach dem Umgang mit Privatheit in den vergangenen Jahren vor allem im Zusammenhang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Vor einigen Jahren sorgten die Enthüllungen Edward Snowdens über die Überwachungspraktiken der US-amerikanischen NSA (National Security Agency) und verbündeter Geheimdienste für Aufmerksamkeit, in jüngster Zeit tritt Chinas Sozialkreditsystem in den Fokus. Zu ähnlichen grundlegenden Verwerfungen führt der Umgang mit Privatheit in Sozialen Medien.

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30 Jan

Waschbär, Grauhörnchen, Nilgans: possierliche Mitbewohner oder Feindbild?! Tierethische Überlegungen zum Umgang mit „invasiven“ Arten

Von Leonie Bossert (Tübingen)


Der Gedanke mag naheliegen, dass Naturschutz etwas ist, das zu Gunsten nichtmenschlicher Tiere betrieben wird. Dies ist auch tatsächlich der Fall, solange das nichtmenschliche Tier einer vom Aussterben bedrohten oder heimischen Spezies angehört. Sofern es sich jedoch um Individuen häufiger Arten oder gar um Individuen von Arten, die als „invasiv“ eingestuft werden, handelt, sieht die (naturschutzfachliche) Welt anders aus.

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28 Jan

Warum experimentieren wir nicht?

von Bernward Gesang (Mannheim)


Dass etwas faul ist im Staate, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Der Klimawandel schreitet voran, die Politik erweist sich als unfähig, angemessen zu reagieren, denn das demokratische Ringen um Kompromisse zersetzt zum Beispiel jedes „Klimapaket“. Unsere westlichen Demokratien begeistern zudem die meisten ihrer Bürger nicht mehr. Viele fühlen sich nicht mehr durch das System repräsentiert. Politik kann nichts mehr bewegen. Sie ist auf kurzfristige Balancierung der mächtigsten Interessen abonniert, verliert auf diesem Weg die Herzen der Bürger und überlastet zudem den Planeten ökologisch. „Demokratiemüdigkeit“ nennt sich ein Teil des Phänomens. Das bringt das subjektive Empfinden vieler Bürger auf den Punkt. Dagegen mobilisieren sich basisdemokratische Volksbewegungen, „Occupy“, „Pulse of Europe“, „Piraten“ usw., aber diese Bewegungen verebben und finden keinen Hebel, um das System zu ändern. Ob „Fridays for future“, deren Anliegen nicht basisdemokratisch ist, hier eine Ausnahme machen, muss sich noch zeigen.

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23 Jan

Geld als kollektives kulturelles Symbolsystem bei Georg Simmel

von Annika Schlitte (Mainz)


„Geld regiert die Welt“ – es gibt wohl kaum einen Philosophen, der diesen scheinbaren Gemeinplatz jemals so ernst genommen hat wie Georg Simmel. Dass das Geld die Welt regiert, ist hier nicht (oder jedenfalls nicht nur) Ausdruck der seit der Antike bekannten Klage, dass Geld im praktischen Zusammenleben eine viel zu große und moralisch fragwürdige Rolle spielt, sondern besagt, dass die moderne Welt als Ganze sich nur vom Geld her angemessen verstehen lässt. Umgekehrt heißt das aber auch, dass man das Geld seinerseits nicht richtig erfasst, wenn man es ausschließlich aus einer ökonomischen Perspektive betrachtet und seine gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung vernachlässigt. So kommt es, dass Simmel im Jahr 1900 das Geld nicht nur zum Thema eines ganzen Buches, sondern gar zum Mittelpunkt seiner Philosophie macht – nämlich einer Philosophie des Geldes.[1] Die zentrale Frage, die er dabei stellt, ist die folgende: Was für eine Weltsicht ergibt sich, wenn man das Geld zum Prinzip erklärt – zu dem, was die Welt im Innersten zusammenhält? Simmels Text, um den es im Folgenden gehen soll, ist daher auch heute noch ein wichtiger Bezugspunkt für alle, die sich dem Rätsel Geld stellen. [2]

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22 Jan

Bemerkungen zu Wolfram Eilenbergers Zeit der Zauberer

Von Ansgar Beckermann (Bielefeld)


Dies ist, das soll gleich zu Anfang gesagt sein, ein außerordentlich gut geschriebenes, sehr informatives und insgesamt überaus spannendes Buch. Aber ist es auch ein Buch, das es ermöglicht, sich auf vernünftige Weise der Philosophie der von Eilenberger (E.) behandelten Protagonisten Wittgenstein, Benjamin, Cassirer und Heidegger zu nähern? Ich habe da meine Zweifel.

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21 Jan

Sexphilosophie

Von Anna Mense (Gießen)


Einleitung[1]

In diesem Text geht es darum, nachzuspüren, inwieweit erlebte Körperlichkeit sowie Aspekte des Sexuellen Teil philosophischer Praktiken sind oder sein können, die, insofern sie unbewusst bleiben, ihr epistemisches Potential nicht frei entfalten können. Ich möchte einerseits den Phänomenbereich Sexualitäten zum Anlass nehmen, um über philosophische Praktiken nachzudenken und ein Gespür dafür zu entwickeln wie Sexualitäten in philosophische Praktiken hineinwirken können. Andererseits möchte ich Aspekte des Sexuellen performativ erfassen, wenn ich letztlich der Frage nachgehe, wie eine philosophische Praxis aussehen könnte, die von ihrer Sexualität nicht absieht, sondern sie explizit macht und textuell gestaltet. Während der erste Teil des Textes verschiedene Weisen von Abwesenheiten des Sexuellen innerhalb philosophischer Praktiken reflektiert, offeriert der zweite Teil zunächst eine Reihe von Beschreibungen sexueller Aspekte innerhalb philosophischer Praktiken.  Der zweite Teil schließt mit einer Skizze dessen, was ich Sexphilosophie nenne.

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